Exit Music
Wolke – Für immer

Wolke – Für immer

7.5

Genre: ,
Label: Tapete

Erstellt am: 27.06.2012
Autor:
Erstellt am: 27.06.2012   Autor:

Neuerscheinungen

Kunst als Wehleidigkeit

Arnold Schönberg war der Meinung, dass wirklich konzentrierte Musik auf alle Wehleidigkeit verzichten müsse. Dann bliebe bei „Für immer“ von Wolke nicht mehr gerade viel übrig. Doch Wehleidigkeit ist eine Kunst für sich, die die beiden Kölner in allen Facetten beherrschen.

Die Erfahrung, dass nichts läuft, wie ist sollte, ist höchst menschlich. Doch die Reaktionen auf Widerstand unterscheiden sich massiv. Manche greifen dem Schicksal in den Rachen und zwingen es in die Knie, andere versinken in tiefster Resignation und Selbstzweifel. So auch die beiden Kölner von Wolke.
„Für immer“ ist vorwiegend das Album einer Trennung, der Prozess einer Ablösung, die in verschiedenen Stadien steckt. Mal voller Trotz, dann wieder in völliger Abhängigkeit von der Geliebten, leben die Texte von abrupten Stimmungswechseln, von plötzlichen Demaskierungen, die das wahre Ich des Sängers bloss stellen. „Ich denke manchmal noch an dich. Und zwar täglich.“ Das Leben als Drahtseilakt, das Gefühlsleben als Maskenball.

„Ich tu nur so“ ist ein trotziger Versuch, sich von seiner eigenen zerrütteten Gefühlslage zu distanzieren und sich einzureden, dass man nur so tut als ob. Doch die Musik verrät die wahre Lage des Gemüts. An vielen Stellen versucht sich der Sänger selber davon zu überzeugen, was eigentlich besser für ihn wäre, doch die Unsicherheit und der Kampf mit sich selbst verklingt nie. „Nie mehr will ich, niemals will ich, nie mehr will ich zu dir zurück.“ Doch wahre Affirmation klingt anders. Auch die Freiheit, die auf „Frei“ gefeiert wird, ist trügerisch. „Niemand da, der dir sagt, wer du bist, denn du bist frei.“ Aber die Freiheit wird aus einem sklavischen Standpunkt besungen, mehr als Wunschvorstellung, denn als Realität.
Manche Zeile ist so süsslich, bisweilen klebrig, dass man den Sänger Oliver Minck am liebsten in die Arme nehmen würde, um ihn von der bösen Welt zu beschützen. Allerdings schwingt stets eine leicht ironische Note mit, wenn Minck zum Beispiel „Ich will in den Bauch einer Mutter, in den Bauch eines Löwen“ oder „Wenn mein Herz Flügel hätte, wär’ es längst zu dir geflogen“ singt. Solche kitschige Zeilen sind so unbequem, dass sie den latent drohenden Kitsch entwaffnen.

Auch die Musik hat Niedlichkeitsfaktor. Basiert vor allem auf Drum Computer, Bass und Klavier, wird sie stets angereichert durch Synthesizer-Klänge und Effekte, die zum Pathos ordentlich beitragen. Hier und da werden Backgroundchöre, Querflöten, Melodica und einmal sogar Auto Tune- Effekte eingebaut, die der sonst relativ sparsamen Instrumentierung neue Facetten abringen. Dabei sind die Kölner stets unheimlich eingängig und man findet sich sehr bald beim Mitsummen.

Rudimente der Hamburger Schule finden sich auch noch einige auf dem Album. Mit „Keine Macht für Niemand“ wird die Kapitalismuskritik von Ton Steine Scherben ins zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends geholt und Plautus liefert das Bonmot „Der Mensch ist des Menschen Wolf“. Nur „Brüder und Schwestern“ führt in eine Phrasendrescherei, die gegen Ende des Albums mit seiner überdrehten Stimmung gerade richtig kommt. Ansonsten bleibt Wolke unakademisch und stellt die emotio deutlich über die ratio.

Irgendwann wendet sich die Wehleidigkeit dieses Albums, die oft genug ein mitfühlendes oder irritiertes Lächeln auf die Lippen zaubert, in Affirmation des Lebens mit all seinen Mühen und Sorgen umschlägt, auch wenn die direkte Identifikation erschwert wird. Das ist die Kunst an „Für immer“. Wehleidigkeit hin oder her.

Seit  18. Mai 2012 im Handel.

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Anspieltipps:
> Frei
> Brüder und Schwestern
> Die Hoffnung

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> Element of Crime
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> Ich und mein Tiger

Diskographie:
> Susenky (2005)
> Möbelstück (2006)
> Ich will mich befreien EP (2007)
> Teil 3 (2008)

> Für immer (2012)