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Wilco – Sky Blue Sky
Wilco – Sky Blue Sky

Wilco – Sky Blue Sky

9.5

Genre:
Label: Nonesuch Records

Erstellt am: 04.06.2007
Autor:
Erstellt am: 04.06.2007   Autor:

Neuerscheinungen

Zufrieden sein

Jeff Tweedy wird glücklich: Nach zwei schweren, dunklen Monstern nun die zarte Offenbarung.

Es gibt ja so viel zu sagen. Aber, um gleich bei Jeff Tweedys neuer, überraschend optimistischer, gar erfrischender Grundstimmung einzusteigen: „Oh, I didn’t die / I should be satisfied / I survived / It’s good enough for now“ singt er im Titelstück, dem vielleicht schlechtesten Lied des neuen Wilco-Albums, wobei man Wörter, die unterhalb von „überragend“ liegen im Zusammenhang mit „Sky Blue Sky“ gar nicht in den Mund nehmen dürfte.

Was sich einmal mehr bewahrheitet hat: Wenn man ein Album nach mehrmaligem Hören nicht versteht und nicht entdeckt, dann muss es gut sein. Falls der Hörer nun sogar bei jedem Durchgang mehr beflügelt wird (und dies in scheinbar endloser Stufung), dann muss es sich um ein Meisterwerk handeln. Gerade der Opener, „Either Way“, eine kleine, öffnende, tolerante Ballade, die indirekt proportional einen Grenzwert, der zum Nichts läuft, sein möchte, aber ein aufsteigender, monumentaler Hoffnungsschimmer ist. Hoffnung und vor allem neue, spürbare Energie und Kraft sind dann auch der Leitfaden durch „Sky Blue Sky“. Jeff Tweedy ist spürbar anzuhören, dass er sich nach Depressionen und Tablettensucht gut und vor allem wohl fühlt. Während der pessimistische Teil in ihm noch monströse Kracher in die Welt setzte und ihm nichts zu schade war, ein Album zu zerstören (auf „A Ghost Is Born“ befand sich mit „Less Than You Think“ ein viertelstündiger, wenn auch kongenialer, Lärm), was natürlich stets in noch fulminanteren Ebenen letztlich produktiver kaum hätte sein können, zügelt er sich und seine Truppe nun etwas ein, wird fast schon sanft (aber nie mild) und posaunt gleich zu Beginn banale, aber in Anbetracht der Bio- und Diskographie so wichtige Mutmacher: „Maybe the sun will shine today / The clouds will blow away / Maybe I won’t feel so afraid / I will try to understand / Either way“. Vergleicht man das mit früheren Werken, sieht man schnell die immense Wandlung: „I will always die, so you can remember me“ hiess es noch aufgewühlt im Leichenkrieg „Company In My Back“, „The best life never leaves your lungs / So good you won’t ever know“ waren zwei der letzten Zeilen, die Tweedys Scheitern an seinen eigenen Ansprüchen deutlich unterstrichen. Um diese Veränderung auf Gefühlsebene auch musikalisch zu untermalen, wurde „Sky Blue Sky“ im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht von Jim O’Rourke produziert. Die lärmenden Geräusche und Effekte, die aus Wilco auf nur zwei Platten so etwas wie eine Noiserock-Band machten, sind ganz verschwunden, die Songs kürzer und regelmässiger aufgebaut als noch zuletzt. Ähnlich wie Calexico sich vom „Wüstenwestern-Sound“ in Richtung Indiepop – und rock entfernt haben, ziehen Wilco einen Hebel weniger nach unten, nähern sich sogar ein bisschen demjenigen Stil, der ihre früheren Alben („Summerteeth“ und „Being There“ beispielsweise) geprägt haben. Allerdings ist die Rückkehr auf einer anderen Etage: Reifer, erwachsener, klüger, schöner, geduldiger – und doch nicht langweiliger. Denn das Überraschungsmoment sowie die hochgeliebten Paukenschläge haben die Amerikaner beibehalten: In „You Are My Face“, welches anfänglich nach einer erneut traumhaften Nachtfolkoase klingt, schlägt die Gitarre wie eine ungewollte Ohrfeige ein, versetzt einem gleichermassen in Staunen und Schrecken. Jegliche Kraft und riesige Impulsivität, die diese Band ausmacht, kommt hier brachial zur Geltung. Auf einem früheren Werk hätten Tweedy und vor allem O’Rourke daraus noch eine repetitiv einschleimende, gefährliche Droge im Stile von „Spiders. Kidsmoke“ oder „Handshake Drugs“ gemacht, „Sky Blue Sky“ aber ist gerade so effektiv, weil es nie übertreibt und permanent nur so wenig wie möglich von sich preisgibt. Alles Ausufernde, gerade „Shake It Off“, ist nur ein Anstoss, ein Moment, ein geöffneter Raum: Wilco spannen behutsam und ganz, ganz langsam einen grossen Bogen auf, Tweedy singt „Somewhere there’s a war / Somewhere there is art / When I’m awake enough / I’m gonna shake it off“ und dann nochmals „Shake it off“, aber in spiegelverkehrter Melodieführung. Der Refrain ist ähnlich dem gängigen Pop nur sehr kurz und wechselt bald wieder in die zurückhaltende Beobachterposition, um letztlich doppelt so effizient wieder zu erscheinen. Die Gitarren heulen wie in den allerbesten Zeiten, die Harmonien und vor allem der Rhythmus sind so komplex und anstrengend, dass die Präsenz und Aufmerksamkeit, welche man dieser Musik schuldet und auch geben möchte, von alleine herbeischwirrt – und doch machen es einem die seit drei Jahren mittlerweile konstant zu sechst spielenden Wilco leichter als auch schon: Noch nie hatte eines ihrer Alben eine so zentrale Geschichte, eine so überdeutliche Reihenfolge und einen dermassen phantastischen Aufbau. Letztlich mögen „Yankee Hotel Foxtrot“ und „A Ghost Is Born“ noch einmal viel besser sein, doch sind Tweedy und co. auf ihrem neusten Werk so einfühlsam, ehrlich und liebevoll wie noch nie. Die Vorgänger dieser Himmelsskulptur reichten alleine aus, um Hallen zu füllen, Sphären zu bilden, sich mies zu fühlen, um Angst zu bekommen, zu staunen, zu weinen oder zu schreien. Sie reichten vielleicht auch aus, um einen ganzen Tag mit ihrer Kraft auszufüllen oder zu zerstören (je nachdem), aber niemals war man nach Abhandlung der Wolkenkratzer – oder der Eierplatte glücklich und zufrieden. Dass nun ausgerechnet Oberpessimist und wandelnder (Zeit-)Geist Tweedy und seine auch handwerklich seinesgleichen suchende Band es schaffen, dem Himmel seine dunkelblaue, fast schon schwarze Farbe zu entnehmen und dafür ein ganz leichtes, beinahe weisses hellblau einzusetzen, ist gleichermassen erstaunlich wie bemerkenswert. Auf einmal klingt ein brutaler Song wie „Hate It Here“ sommerlich und frisch, eine Zeile wie „I’ll check the phone / I’ll check the mail“ / I’ll check the phone again and I call your mom / She says you’re not there and I Should take care“ nicht mehr hilflos und ängstlich, aussichtslos und traurig, sondern motiviert, zuversichtlich und entwaffnend. Es sind Kleinigkeiten, aber die machen es aus. Es sind gerade die letzten fünf Worte dieser Zeilen „And I Should Take Care“ die so wuchtig gesungen werden und den rockigen Refrain einleiten. Das klingt neuartig und inspiriert, befindet sich aber letztlich näher bei Wilcos bisherigen Werken als der Musik irgendeiner anderen Band, gleichgültig ob Grateful Dead, Beatles oder Yo La Tengo, welche höchstens im vielschichtigen, mehrstöckigen Aufbau ihrer Lieder sowie in ihrer Angst machenden Präsenz Ähnlichkeiten mit Wilco besitzen. Oder um mit einer ganz flachen Floskel zu kommen: Wilco sind hart und herzlich wie keine zweite Truppe: In „Either Way“ oder „Leave Me (Like You Found Me)“ liegt das blühende Leben nur einen Handgriff entfernt, die Zuversicht strömt förmlich aus allen Wänden, doch nichts scheint am Ende brauchbar zu sein. Weder einen hellen Schimmer noch einen wiederverwertbaren Giftpfeil erhält man geschenkt; nur ein hellgelbes, rahmenloses Licht durchflutet einem Herz und Hirn. Alles beginnt im Kopf. Alles beginnt mit der Sehnsucht. Nur der Gedanke, etwas zu tun, ist entscheidend – das Tun selbst überlässt man den anderen. Trotz aller realistischer Sinnesfragen, bleibt die Stagnation ein Fremdwort. Sekunden vergehen. Der Strahl, der einem zuvor noch erfüllt hat, verschwindet sogleich wieder und ein irritierendes Klavier beginnt eine unglaubliche, mystische Tanzmelodie zu singen. „Im walking / All by myself / I was talking to myself about you / What am I going to do“ und dann „I was thinking about singing this song for you“. Seine haftende Unsicherheit bläst Tweedy im Nachdruck spielend weg: “The more I think about it / The more I know it’s true”. Mit diesem Album geht es einem nicht viel anders. Aber auch in „Walken“ realisiert der Songwriter geschickt die aufkommende Melancholie und lässt sogleich das Erdbeben der Gitarren los. Ein kleines Gewitter, doch nass bleibt man noch tagelang.

Bei allem Lob hätte die wichtigste Band der letzten zehn Jahre auf den ersten 11 Tracks ihres neusten Werks weitaus weniger leisten müssen und Enttäuschung hätte sich trotzdem nicht breit gemacht. Der Grund dafür sind die vier letzten Minuten dieses Albums, der womöglich schönste Song dieser Dekade: Adaptiv zu den letzten fünf Minuten der HBO-Serie „Six Feet Under“, wo scheinbar jegliches Wohlwollen und alle Zuversicht dieser Welt auf einmal entfacht und einem durchströmt, gleicht auch „On And On And On“ so wahnsinnig stark dem Leben selbst. Es handelt im Eigentlichen von einem Song, der Tweedy für seinen Vater geschrieben hatte, als dessen Freau (Jeffs Mutter) urplötzlich verstorben ist. Allgemein und individuell (sogar das ist möglich) blendet einem diese tieftraurige Ballade alle schönen und emotionalen, alle wahren und möglichen Bilder der Vergangenheit und Zukunft auf das Gesicht und projiziert dabei diejenige, vom Menschen plakativ und pauschal hergestellte Vorstellung der Durchwanderung eines Tunnels oder des Herunterflimmern eines Kurzfilms der prägnantesten Lebensszenen nach dem Tode. Jede Bewegung, die man während und nach diesem Schock tun möchte; jeder Ausgang, den man danach benutzen möchte. Man weiss es ganz genau, so etwas grosses kann man nicht bewerkstelligen, diesem Lied kann man nicht gerecht werden. Hier reichen Sprünge von einem Hochhaus, Ausrisse ans Ende der Welt und spontane Geständnisse nicht mehr aus, um auch nur ein einziges Blatt dieser so perfekten Natur zu krümmen. Denn der Song läuft immer weiter: „On and on and on we’ll stay together yeah / On and on and on we’ll be together yeah / You and I will try to stay together yeah / You and I will try to make it better yeah“.

Ich verabschiede mich. Ich bin eingezogen. Ich wohne jetzt in diesem Lied.

Seit 14. Mai 2007 im Handel.

Anspieltipps: On And On And On
Trackliste: 1) Either Way; 2) You Are My Face; 3) Impossible Germany; 4) Sky Blue Sky; 5) Side With The Seeds; 6) Shake It Off; 7) Please Be Patient With Me; 8) Hate It Here; 9) Leave Me (Like You Found Me); 10) Walken; 11) What Light; 12) On And On And On
similar artists: Yo La Tengo, Lambchop

Bio:
Wilco , 1993 in Illinois, aus der Band Uncle Tupelo hervorgegangen, galten bereits früh als heimliche Könige des Alternative Country. Ihre Glaubwürdigkeit beruhte nicht zuletzt darauf, daß sie eine transamerikanische Band waren. Ihre Mitglieder kamen aus Chicago, New Orleans, Dallas und Nashville.
Uncle Tupelo wurden ihrerseits 1982 in Belleville von den beiden Schulfreunden Jay Farrar (g, voc) und Jeff Tweedy (b, voc), beide Jahrgang 1968, gegründet. Als erste Band verbanden sie rauhe Punk-Power mit schmalzigen Country-Roots. Das Ergebnis dieser Addition geriet zuweilen in erstaunliche Nähe der Sprache eines Neil Young. Sie ließen sich jedoch Zeit, um ein eigenes, originelles Vokabular auszuformulieren. Tweedy konnte auf dem Kultstatus von Uncle Tupelo aufbauen, verstand Wilco aber von Anfang an nicht als Solo-Projekt, sondern als solide Band. Mit Ken Coomer (dr), John Stirratt (bg) und Max Johnston (fiddle, g), zu denen später noch Jay Bennett (kb, harmonica, acc, lap steel) stieß, generierte er einen süffigen Sound, der an die Rolling Stones der Mick Taylor-Jahre erinnerte. Das Debütalbum „A.M.“ (1995) wurde von der internationalen Presse mit Exile On Mainstreet verglichen. Unter dem Eindruck der Geburt seines ersten Sohnes Spencer Miller Tweedy veröffentlichte Tweedy das zweite Wilco-Album Being There (1996), dessen Titel einem Peter Sellers-Film entlehnt war. Hier trug die Band wesentlich dicker auf als auf A.M., arbeitete mit Bläsern und prominenten Gästen, darunter Folk-Legende Greg Leisz.
2000 begann Jeff Tweedy eine Zusammenarbeit mit dem Chicagoer Produzenten und Song-Wizard Jim O’Rourke. Zunächst nahm O’Rourke mit Wilco 2002 deren bisher ausgewogenstes und urbanstes Album, das Überwerk Yankee Hotel Foxtrot auf, das aus den passionierten Traditionalisten plötzlich eine mondän verhaltene Avantgarde-Band machte. Mit Chelsea Walls (2002) veröffentlichte Tweedy zur selben Zeit einen rein instrumentalen Soundtrack, der an Filmmusik von Ry Cooder erinnerte. Ende des Jahres vereinte sich O’Rourke mit Kotche und Tweedy zu dem skurrilen Post-Country-Trio Loose Fur. Wilco blieb als Band trotzdem weiter bestehen. 2004 folgte mit „A Ghost Is Born“ ein dem Vorgänger ebenbürtiges Album, welches in ähnlich schwindelerregender Manier daherkam. Nach einer phänomenalen Live-Platte, welche 2005 erschien und weiteren Nebenprojekten (Loose Fur etc.) erschien in diesem Frühling mit „Sky Blue Sky“ das siebte Album der grossen Band.