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We Invented Paris – Rocket Spaceship Thing
We Invented Paris – Rocket Spaceship Thing

We Invented Paris – Rocket Spaceship Thing

7.5

Genre: ,
Label: Radicalis

Erstellt am: 22.03.2014
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Erstellt am: 22.03.2014   Autor:

Rezensionen

Weniger ist mehr

Eine Indie-Pop-Band, benannt nach der Stadt der Liebe. Die Veröffentlichung der neuen Platte, ausgerechnet am Valentinstag. Das ist wie Zucker auf Zuckerguss − zu viel des Guten. Ausser wenn man wie We Invented Paris dankenderweise darauf verzichtet, das Schnulzenpotential dieses Werbestreichs in Musik umzumünzen.

„Rocket Spaceship Thing, für dessen Aufnahmen sich die Paris-Erfinder in ein altes Schloss zurückzogen und dort zwischen verschneiten Feldern und haufenweise Vintage-Equipment in Eigenregie an ihrem Sound schraubten“, heisst es im Beilage-Text zur neuen Platte von We Invented Paris. Im Klartext: Hipster-Klischee trifft auf Kitsch-Maxime. Einen Preis für die beste Marketingkampagne würden die Jungs damit wohl kaum gewinnen.

Aber darum geht es ja nicht. Es geht um die Musik. Und man ist im ersten Moment einfach mal erleichtert zu hören, dass bei der Platte nicht drin ist, was drauf steht. Der erwartete Zuckerschock bleibt aus. Stattdessen: Abmarsch − Eröffnungstrack „Mont Blanc“ − Sänger Flavian Graber an vorderster Front. Eine Stimme mit Seltenheitswert – man kann sich kaum satthören daran. Die Zeit verflüchtigt sich. Ein Höhenrausch. Manchmal zwar auch in etwas sachterer Gangart („Dance on Water“ bis „Farmer“). Aber nie Schnulze.

Im Prinzip macht das Künstlerkollektiv aus Basel nichts, was es nicht schon auf ihrem Erstlingswerk getan hätte. Eigentlich sogar weniger. Denn während We Invented Paris auf ihrem Debütalbum noch auffällig mit Orgel, Violine, Sprachmix und elektronischem Sound laborierten, konzentrieren sich die Jungs dieses Mal vor allem auf gewohnten Indie-Synthie-Pop: Keyboard, Schlagzeug, Gitarre und Tempo. Da wird weder Musik neu erfunden, noch lyrischen Höchstleistung erbracht. Und trotzdem schaffen es die Jungs erneut, dem Kitsch von der Schippe zu springen.

Die Band vermag den inflationär gebrauchten, verramschten Begriff „Melancholie“ wieder als eigenständiges Gefühl zu definieren. Euphorische Nachdenklichkeit. Nachdenkliche Euphorie, die einem erwischt und sanft festhält. Das ist, was We Invented Paris beherrschen und sie von den restlichen Indie-Poppern unterscheidet. Dafür muss man ihnen ein grosses Kompliment machen. Hipstertum hin, Valentinstag her.

Das Album „Rocket Spaceship Thing“ hat den ganzen Marketing-Unsinn gar nicht nötig. Die Platte ist gut gelungen. Instrumentell zwar weniger experimentell als das Vorgänger-Album aber was Gesang und Gefühl angeht – Sei gegrüsst, unfassbare Melancholie, die du nicht Herzschmerz und Schnulze bist – so hypnotisch, dass man willenlos zuhört. Ganz ohne Zuckerschock.

Seit 14. Februar 2014 im Handel.