Exit Music
Wang Wen – Eight Horses
Wang Wen – Eight Horses

Wang Wen – Eight Horses

8.0

Genre:
Label: Pelagic Records

Erstellt am: 14.11.2014
Autor:
Erstellt am: 14.11.2014   Autor:

Rezensionen

Wir Westeuropäer wissen meist viel zu wenig über die Musikszene in Asien. Doch die junge, aufstrebende Plattenfirma Pelagic Records tut viel dafür, um uns die faszinierende Sichtweise des fernen Ostens näherzubringen. Die Chinesen Wang Wen sind ein besonders exzellentes Beispiel einer stärker werdenden Bewegung: Asiatischer Postrock zwischen den Polen Ambient und Postcore.

Viele verdammen diese immergleichen Abläufe, doch immer wieder ist es eine Wonne, eine vermeintlich altbackene Form mit diamantenschneidender Perfektion zu reanimieren. Monströse Songs wie „The Sky over Dalian“ sind die Ergebnisse dieses erfolgreichen Reboots. Das Lied ist benannt nach einem 6,1-Millionen-Städtchen, das hierzulande wohl niemand kennt. Dalian ist der Heimatort von Wang Wen und beherbergt den nördlichsten Seehafen im Reich der Mitte. Hier gibt es bitteren Frost zwischen Dezember und März und glühende Hitze in den Sommermonaten.

Wo sonst kann derart kontrastreiche Musik besser entstehen? „Escape From Mother Universe“ kriecht zunächst besonders schmerzerfüllt (sogar mit Mundharmonika!) durch den Schnee auf den sanften Hügeln des Nulu’erhu-Gebirges in Nordostchina. Doch der zweite Teil des Songs bedient sich bei bleischweren Asia-Screamo-Meistern wie Heaven In Her Arms. Auch „Eight Layer of Hell“ erwartet  ein ähnliches Schicksal. Gerade wenn der Song zu schön und damit seinem Namen nicht mehr gerecht wird, zerren ihn aufgekratzte Growls in die Tiefe.

Es ist 2014 nicht mehr neu, einen Song mit leisen Gitarrenklängen zu beginnen und irgendwann von einer Wall Of Sound überrennen zu lassen. Doch „irgendwann“ ist bei Wang Wen nicht mehr irgendwann. Jedes Gitarrentremolo, jeder Bläsersatz, jeder Tupfer Geschrei sitzt am richtigen Platz. Fiese Ohrwürmer von Postrock-Songs zu haben, ist nicht häufig. Doch „Northern North“ geht einem nach zwei, drei Durchläufen überhaupt nicht mehr aus dem Kopf.

Statt in seiner simplen Denkweise zu langweilen, drängen Wang Wen immer wieder nach vorne, stehen im nächsten Moment aber wieder völlig still, um komplexe Landschaftsbilder zu zeichnen. Gerade deshalb funktioniert „Eight Horses“ sogar im Hintergrund. Das Finale aus  „The Last Journey“ und „Welcome To Utopia“ steht an einem bevölkerten Küstenhafen, beobachtet jedes Detail der Szenerie und wendet sich ab, um sein eigenes Schicksal zu suchen. In den atemberaubenden Höhen und markerschütternden Tiefen, die Chinas führende Postrocker hier vor uns ausbreiten. Das ist ganz und gar von dieser Welt, eine innere und äußere Topographie zugleich.