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Vince Staples – Summertime ’06
Vince Staples – Summertime ’06

Vince Staples – Summertime ’06

9.0

Genre: , ,
Label: Def Jam

Erstellt am: 11.07.2015
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Erstellt am: 11.07.2015   Autor:

Rezensionen

Odd Future mögen Geschichte sein, doch ihr Vermächtnis hat gerade erst begonnen zu strahlen. „Summertime ’06“ ist die kluge Interpretation von Gangsterrap, die der aktuellen Generation des Hip Hop weitgehend fehlt. Vor allem aber ist Vince Staples‘ Debüt brilliante Musik.

Traumabewältigung, soziale Beobachtung, Muckertum: „Summertime ’06“ ist so viel mehr als ein simples Gangster-Rap-Album. „Du kannst sie nur von innen heraus verändern“, das sagte schon Denzel Washington im LA-Thriller Training Day über die dunklen Seiten dieser sagenumwobenen Gegend. Nicht weit südlich von Los Angeles liegt Long Beach. Ein riesiger Hafen, Palmen so weit das Auge reicht und überbordende Bandenkriminalität. Aus dieser Stadt der Gegensätze stammen auch Snoop Dogg und Zack de la Rocha. Musik ist also für viele der einzige Weg raus aus den Armenvierteln.

Aber das ist nicht Vince Staples‘ Ziel. Das ehemalige Mitglied der Straßengang Crips entwirft ein vielfäliges Bild seiner illustren Nachbarschaft. Das umwerfende „Norf Norf“ setzt gleich Prioritäten und die klare Message: „I ain’t never run from nothing but the police!“. Dazu ein Beat tief wie ein Schiffshorn und man wähnt sich gleich am Hafen umzingelt von Möven. Vince geht nicht weg aus seiner Neighborhood. Das ist die deutliche Botschaft des Albums. Während sich andere Rapper zwar mit einer Vergangenheit im Ghetto brüsten, diese aber längst hinter sich gelassen haben, fühlt sich Staples immer mit seiner Heimat verbunden.

„Summertime ’06“ wäre ohne den Norden von Long Beach nicht denkbar. Dort ist Vince aufgewachsen und hier spielt auch „Summertime ’06“ im Wesentlichen. Es ist eines dieser vor Geschichten wimmelnden Alben – voller Straßennahmen und verzerrter Erinnerungen. An bekiffte Nachmittage im Park („Dopeman“). An wilde Latino-Mädchen, die dem Schuljungen Vince den Kopf verdrehen („Loca“). Aber auch an den plötzlichen, gewaltsamen Tod eines guten Freundes („3230“). Es sind Geschichten von Jugend, Tod, Perspektivlosigkeit und Freundschaft vereint in einer großen Coming Of Age-Geschichte.

Die Musik dazu ist spektakulär. Star-Produzent No I.D., der bereits mit so ziemlich jedem wichtigen US-Rapper zusammengearbeitet hat, schneidert Vince und seiner aufreibenden Story atemberaubende Beats und tiefschwarze Instrumentals auf den Leib. Meist reicht schon die Musik aus, um Stimmung und Handlungsort zu fühlen. Der Beat von „Surf“ zum Beispiel klebt tatsächlich an Vince‘ Flow wie Surf-Wachs unter wettergegerbten Füßen am Strand.

Von einer fantastischen Produktion profitiert auch der hektische Hit des Albums – „Jump Off The Roof“. Ein treibender, hochspannender Song mit hölzern klapperndem Beat und schwelgerischen Chor-Einsätzen. „I pray to god ‚cause I need him“ – Vince kommt musikalisch wie textlich sofort zum Punkt. Sparsame Metaphern und verschlüsselnde Botschaften – dafür mehr Klartext.

Die Album aufzuteilen ergibt dabei trotz der knappen Stunde Laufzeit Sinn: Disc 1 entwirft die Karte aus Beziehungen und Orten, Familie und Leben in der Gang. Die zweite Hälfte beschreibt das Auseinanderbrechen dieser kleinen Welt durch den Tod von Vince‘ Jugendfreund Jabari Benton.

Nach diesem Vorfall ist alles anders. Den zweiten Teil des Albums durchzieht ein epischer, ergreifender Vibe, der sich besonders stark in der heruntergefahrenen R’n’B-Hymne „Might Be Wrong“ zeigt. Ein langsamer, sehr pathetischer Song, der wie eine Beichte wirkt. „We might be wrong, might be guilty“. Es sind eben die einfachen Geständnisse, die „Summertime ’06“ so durchdringend machen. Und so kreist das ganze Album schließlich um den souligen, sanften Titelsong und die Zeile „This could be forever, Baby“. Kann man so stehen lassen.

Interaktive Grafik: Erkunde Vince Staples‘ Long Beach

(Bildrechte: Creative Commons, Lizenz by-sa 2.0)