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Valgeir Sigurðsson – Draumalandið
Valgeir Sigurðsson – Draumalandið

Valgeir Sigurðsson – Draumalandið

7.0

Genre: , ,
Label: Bedroom Community

Erstellt am: 01.03.2010
Autor:
Erstellt am: 01.03.2010   Autor:

Neuerscheinungen

Traum und Trauma

Wie viel unberührte Natur darf auf Kosten der Wirtschaftskraft geopfert werden? Das Zweitwerk des isländischen Produzenten und Komponisten ist der Soundtrack zur Buchverfilmung „Draumalandið“, die genau jener Frage nachgeht. Zwischen Harmonie und Bedrohung pendelt auch die Musik.
Valgeir Sigurðsson ist nicht nur in der isländischen Musikszene kein Unbekannter. Seit seinem 16. Lebensjahr arbeitet er an seinem guten Ruf als Produzent, Sound-Mischer und Programmierer. Illustre Namen wie Björk, Bonnie ‚Prince‘ Billy, Camille oder Sam Amidon haben sich bei ihm für ihre Platten den letzten Schliff geholt. Seine Fähigkeiten als Komponist erfreuen sich hingegen noch keiner so grossen Beliebtheit. Der Soundtrack zum Film „Draumalandið“ könnte ihm jedoch ein bisschen auf die Sprünge helfen. Das gleichnamige Buch war vor drei Jahren ein Bestseller in Island. Es ist ein Buch über eine Nation am Scheideweg. Die grösste ökonomische Krise Islands hatte die Regierung dazu veranlasst, ein gigantisches Bauprojekt zu starten. Ein Staudamm, um Strom zu produzieren, sechsmal so viel wie die gesamte isländische Bevölkerung braucht, und gerade mal so viel, um eine Aluminiumfabrik zu betreiben. Dass für ein paar hundert Arbeitsplätze der Lebensraum tausender Tiere und einige der schönsten Naturschauplätze Islands geflutet werden sollten, hatte in Island einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Naturverbundene Musikerinnen und Musiker wie Björk oder Sigur Rós riefen zum Protestkonzert auf. 30000 Isländerinnen und Isländer, also etwa ein Zehntel der Bevölkerung, folgten ihrem Ruf. Den Bau konnten jedoch auch sie nicht stoppen.

Sigurðssons Beitrag ist der Soundtrack zum Film. Für die Arrangements hat er sich die Hilfe der Kollegen vom Bedroom Community-Label gesichert: Von den Komponisten Nico Muhly und Daníel Bjarnason, dem Industrial-Tüftler Ben Frost sowie von Singer-Songwriter Sam Amidon. Die musikalischen Entwicklungen seit dem Debut-Album folgen denn auch einer gewissen Logik. Sigurðssons Produzenten- und Programmierer-Stempel weicht orchestralen Kompositionen, die sich in mächtigen Streicherteppichen äussern.

Im Opener „Grýlukvæði“ ist jedoch zunächst Sam Amidons Handschrift herauszulesen. Er singt ein isländisches Volkslied über eine gierige Hexe, die ungezogene Kinder frisst. Weil Amidon auch noch die Gitarre zur Hand nimmt, klingt das Ergebnis entsprechend folkig und sogar ziemlich fröhlich. Selbst Vergleiche mit isländischen Songwriter- und Folkpop-Interpreten wie Benni Hemm Hemm oder Seabear sind wohl nicht ganz abwegig. Die Stimmung schlägt jedoch sehr bald um und kippt spätestens mit dem Aufkommen elektronischer Paukenschläge in „Dreamland“. Die bedrohliche Atmosphäre wird nur selten durch Songs wie „I Offer Prosperity and Eternal Life…“ aufgehellt. Wenngleich ein Stück wie „Beyond the Moss“ vielleicht etwas gar stark auf eine Filmszene zugeschnitten ist, funktioniert der Soundtrack auch ganz gut ohne Film. Vor dem geistigen Auge schreitet das Bauprojekt voran.

Seit 22. Februar 2010 im Handel.

Anspieltipps:
> Grýlukvæði
> Dreamland

Diskographie:
> Ekvílibríum (2007)
> Draumalandid (2010)

Ähnliche Künstler:
> Max Richter oder hier
> Ólafur Arnalds
> Peter Broderick
> Benni Hemm Hemm
> Arvo Pärt
> Sigur Rós