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Turbostaat – Stadt der Angst
Turbostaat – Stadt der Angst

Turbostaat – Stadt der Angst

8.0

Genre: ,
Label: Clouds Hill

Erstellt am: 09.04.2013
Autor:
Erstellt am: 09.04.2013   Autor:

Neuerscheinungen

Entgegen der reaktionären Haltung

Auf Plattentests.de fragt man sich bereits in der Überschrift: „Ist das noch Punkrock?“. Wir erlauben uns eine Gegenfrage und entschuldigen uns nicht für die Antwort: Blöde Frage.

Werft ihnen doch gleich vor, dass sie für ein Album zu einem Major gewechselt sind. Diese pseudoidealistischen Genregrenzen jucken niemanden mehr. Im VISIONS-Interview meint Martin Ebsen zum Punkgedanken: „Na ja, wir machen ja schon eine weltliche Version dieses Gedankens, reiner Punk ist das schon lange nicht mehr“. Das hört man auf „Stadt der Angst“ mehr denn je. Die Gegenfrage muss demnach lauten: Wen kratzt es? Es klingt halt nicht alles immer gleich im Leben und hier klingt halt nicht alles nach Turbostaat. Gewohnte musikalische Schemata zu durchbrechen gehört zur Entwicklung einer Band dazu, das zu kritisieren ist reaktionärer Quatsch. Rotzen und Kotzen ist auf Dauer keine Kunst und wenn’s einem fehlt, kann man immer noch ins Lager von Fidlar wechseln. Nur haben die leider nichts zu sagen. Gehen wir also spazieren in der „Stadt der Angst“ und stellen fest, dass die Texte von Ebsen alles andere als glatt geworden sind. Sie lassen glücklicherweise auch Spielraum für die eigenen Gedanken, den man nur zu gerne nutzt. Man möchte die Meinung nicht immer gebildet bekommen. Das wäre ja auch fatal.

„Sohnemann Heinz“ ist das musikalische Grenzgebiet, wo Turbostaat mittlerweile hin und her pendeln: Beginnt wie ein klassischer Indiesong – als könnten sie das nicht locker auch – und zieht dann bald das Tempo an. Freilich, das mag kein Punkrock sein. Das muss Turbostaat aber auch keiner sagen, sonst hätten sie den Song weder so aufgebaut noch so zu Ende gebracht. Sie scheinen gut aufgepasst zu haben, wie sich die Dinge verschieben und vor allem auch, wie sie selber etwas bewegen können. Während alle gleich immer von Krise sprechen und damit die Ängste schüren, die sich besonders politisch hervorragend ausschlachten lassen, braucht es schon einen grösseren Blickwinkel. Erst mit politischen Krisen aber lässt sich die Passivität der Wähler mit schnellem Handeln aushebeln. Die Sicherheitsnetze werden erst dann überarbeitet und gefestigt, wenn irgendwo irgendetwas mit Übertempo hineingerast ist. Angst wird instrumentalisiert. Ebsen schreibt: „Doch das Geld zog mit / Und mit ihm das Gefühl / Dass man Sicherheit mit Geld auch kaufen kann“. Die fetten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Abzockerinitiative hin oder her.

Man kann nicht an Bestehendem festhalten und gleichzeitig das Bestehen der Dinge kritisieren oder sich scheinbar festgelegten Grenzen unterordnen. Idealismus ist wichtig, darf aber nicht das Denken und Handeln einschränken. Denn sonst funktioniert er gleich wie die Angst. Turbostaat öffnen ihre Musik demgegenüber und lassen dabei die gelungenen Elemente früherer Tage nicht vermissen. Sie schaffen sich den musikalisch grösseren Blickwinkel. Was dabei besonders gefällt: Dass die Band nicht nur mit Negativität gegen alles Postmoderne arbeitet und an jeder Strassenecke mit dem Finger auf den vermeintlichen Sündenbock zeigt. Und sie hat das Album bewusst nicht „Land der Angst“ getauft. Dass den Norddeutschen nebenbei auch durchweg tolle Lieder gelungen sind, versteht sich vielleicht sogar von selbst, weil erst dann ein solcher thematischer Überbau funktionieren kann. Die Texte dienen der Musik und diese dient den Texten. Tiefgründig – und nicht einfach nur hingerotzt.

Seit  05. April 2013 im Handel.