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Turbostaat – Abalonia
Turbostaat – Abalonia

Turbostaat – Abalonia

7.0

Genre: ,
Label: PIAS/Rough Trade

Erstellt am: 31.01.2016
Autor:
Erstellt am: 31.01.2016   Autor:

Rezensionen

Wir sind die Toten

Was ist „Abalonia“? Das Schöne an Musik ist ja, dass sich jeder seine eigenen Gedanken konstruiert. Das Schwierige am Leben ist manchmal, dass sich jeder seine eigene Realität konstruiert.

Frau Semona ist auf der Suche nach „Abalonia“. Was das für ein Ort ist, kann man aus der kryptischen und abstrakten Erzählung von Gitarrist Marten Ebsen nicht klar deuten. Ist es das Streben nach etwas, das es gar nicht gibt? Nach dem Jenseits? Oder gar die Sehnsucht nach dem Tod? Beim Zuhören und Mitlesen kann man das aktuelle Zeitgeschehen kaum ausblenden, wenn man sich seine eigene Interpretation konstruiert. Und so scheint auch das Verlassen der Heimat ein Thema. Aber was ist das schon: „Heimat ist das Grau in seinem Herz“. Angst, Gier und Hass. Der Unterschied zum Vorgänger „Stadt der Angst“ ist im Grunde gar nicht so gross. „Abalonia“ ist sicherlich noch mehr Erzählung, die Musik hat einen Schuss mehr Postpunk. Und so bleiben denn vor allem wieder einzelne Zeilen hängen, um die man sich seine Gedankenwelt baut.

„Denn alles ist besser als der Tod!“, heisst es am Ende des tollen Openers „Ruperts Grün“. Es geht nicht um Wahrheit, denn man kann in Frage stellen, ob so eine Aussage denn wirklich stimmt. Sicher ist, dass man eher vor Krieg, Folter und dem drohenden Tod flieht, als dass man sich tatenlos seinem Schicksal ergibt – selbst wenn das bedeutet, dass man den Tod auf der Flucht findet. Das Ziel sind Orte, an denen die Menschen Angst um Wohlstand und Sicherheit haben, was völlig pervers angesichts dessen ist, was anderenorts geschieht. Aber manche Menschen wollen mit dem Fremden nichts zu tun haben, weil sie es nicht kennen, weil es ihnen Angst macht: „Wenn das Funkeln einmal fehlt/ Hat er gar nichts mehr/ Nimm es nicht weg von ihm“, stellen Turbostaat in „Der Zeuge“ fest. Und legen in „Der Wels“ nach: „Ist das Quatsch/ Oder ist das euer Ernst/ Ganz oben in der Mitte wohnt der Hass“. Was aber „Die Arschgesichter“ ständig begleitet, „ist scheinbar doch der Tod“. Man kann zumindest vermuten, dass es einen roten Faden auf dem Weg nach „Abalonia“ gibt und das ist das Thema Tod.

Aber auch das Thema Mensch, der einsam in seiner vermeintlich bedrohten Heimat gierig und verbittert nach irgendeinem nostalgischen Funkeln sucht, das schon früher Scheisse war: „Und sie stochern blöd im Gestern/ Als wenn da noch etwas wäre/ Ausser Leere und jener Schmerz“. Dabei schaut er weder auf andere noch auf das, was ihn umgibt und im Grunde auch nicht auf sich selber. „Dort draußen bohren sie nach Öl/ Vielleicht finden sie den Teufel in sich selbst“, findet „Wolter“ und der „Eisenmann“ marschiert in der Stadt herum. Man hört den Satz: „Nur ein Königreich aus Scheisse würde euch gut stehen“.

Danach wird es noch schwieriger, Ebsen zu folgen. Ein bisschen verliert man die eh schon knappen Ansatzpunkte für die mögliche Richtung der Reise. „Und die Angst scheint ungebrochen/ Aber deine Hände natürlich auch“, sind Sätze, die zwar viel andeuten und dennoch zu abstrakt bleiben, um verstanden zu werden. Hier schwächelt das Album textlich und interessanterweise auch musikalisch, selbst wenn der Postpunk von „Geistschwein“ sicherlich seinen Reiz hat. Plötzlich werden aus der Sehnsucht und dem Streben nach „Abalonia“ Träume: „Sie rollte sich noch einmal zur Seite/ Die Träume scheinen ein Trost zu sein“. Danach aber wird es wieder sehr kryptisch in „Die Toten“, man wird erneut abgehängt: „Wir sind zwar eure Brut/ Aber regen uns nicht mehr/ Sprecht uns bitte nie mehr an/ Wir sind die Toten für euch!“.

Erst am Ende kriegt man den Faden wieder zu fassen, wenn Turbostaat zum Höhepunkt ansetzen und sich das Gefühl einstellt, Semona sei angekommen. Als hätte sie den Trost nicht in den Träumen gefunden, sondern in einer Art Jenseits, das es nicht gibt: „Und sie schwebt mitten in dem Nichts/ Wo einst das Bett stand kann man Kratzer sehen/ Wo einst das Blut war leider auch“. Das 6. Album der Norddeutschen ist damit das konzeptuellste, ohne ein Konzeptalbum zu sein. Es hat einen hohen Anspruch, erfindet die Band aber nicht neu. Es fordert sicherlich vor allem auf der textlichen Ebene, wobei die Musik hier und da etwas auf der Strecke bleibt.

Ab 29.01.2016 im Handel erhältlich.