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Tocotronic – Pure Vernunft darf niemals siegen

Tocotronic – Pure Vernunft darf niemals siegen

Erstellt am: 01.02.2005
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Erstellt am: 01.02.2005   Autor:

Neuerscheinungen

In höchsten Höhen

Tocotronic präsentieren mit neuem Gitarristen ihr siebtes Album und erfinden sich einmal mehr neu. Das ausgeklügelte, von präziser Studio- arbeit zeugende Werk ist ein Lobgesang auf die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen und vermag einen mit seiner märchenhaften Kraft und Pracht zu fesseln.

Spätestens nach zehn Jahren Schaffenszeit ist immer der Punkt gekommen, sich selbst neu zu erfinden und genau das machen Tocotronic auf ihrer neuen Platte. Die Grundrisse der Songs auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“ wurden in nur neun Tagen in einem plüschverhangenen Berlin-Kreuzberger Studiokeller aufgenommen, bevor sie dann weitere fünf Tage in konzentrierter Studioarbeit im Hamburger Soundgarden-Studio verfeinert und in Dänemark abgemischt wurden. Die Früchte der Anstrengungen sind 13 wunderschöne Pop-Perlen, die ausgeklügelten, satten Sound offenbaren. Auf dem Album finden sich hypnotische Tracks wie der Opener „Aber hier leben, nein danke“, elegische Balladen wie „Ich habe Stimmen gehört“ oder folkige Stücke wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Mit dem neuen Gitarristen Rick McPhail eröffnen sich gänzlich neue Möglichkeiten für Tocotronic, kommt doch dem Gitarrenspiel und der Interaktion der Gitarren nun vielmehr Bedeutung zu als auf den anderen Alben. Sich endgültig von früheren Punk-Ambitionen, schrammelnden Protestsongs und verzerrten Gitarrenriffs abgewendet, bieten sie nun sanfte Beats, leichte, eingängige Melodien und ausgefeilte Arrangements, die besser nicht sein könnten.
Das Coverfoto lässt einen erahnen, womit sich die vier Jungs von Tocotronic lyrisch auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“ beschäftigen: Gezeigt werden die Bandmitglieder in geisterhafter Manier inmitten eines dunklen Waldes – irgendwie fernab des Irdischen und doch noch greifbar in einer höheren Ebene. Tatsächlich wird von höchsten Höhen und tiefsten Tiefen, von Träumen, Exzess und Selbstexil, lebenden Toten und Stimmen auf der Schwelle zur Unendlichkeit, aber auch über Anti-Nationalisierung und Abkehr („Aber hier leben, nein danke“) gesungen und kein einziger Text lässt aufgrund seiner Rätselhaftigkeit eine allgemeingültige Interpretation zu. Die Texte sind ohne Ausnahme vollendete Melancholie und manchmal etwas gar weise und illusionistisch, doch genau das macht die zauberhafte Wirkung des Albums aus.
„Pure Vernunft darf niemals siegen“ ist einer jener Silberlinge, bei denen ich nicht schlüssig bin, ob ich sie lieben oder hassen soll. Hassen in dem Sinne, dass man sich zuweilen erdrückt fühlt von den enigmatischen Weisheiten der preisgegebenen Lyrics und nicht mehr von der Musik loskommt, wenn man sie sich einmal angehört hat. Lieben in dem Sinne, dass es doch eine gute Begleitmusik und Unterstützung für zweifelhafte Lebensphasen ist, wenn man dazu neigt, über den Lauf der Zeit und Dinge zu philosophieren und man nach einer Rettung der Seele schreit. Tocotronics neuster Wurf verschafft Abhilfe und füllt ebendiesen leeren Platz aus. Entscheidet selbst.

Seit 17. Januar 2005 im Handel.

Anspieltipps: Aber hier leben, nein danke, Mein Prinz
similar artists: The Notwist, Kante, Blumfeld

Bio:

Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow lernte 1993 an der Uni die Punk-Musiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) kennen und zusammen gründeten sie die Band Tocotronic. Im Februar 1995 erschien ihr erstes Album „Digital ist besser“, auf das weitere Werke folgten, darunter „Wir kommen, um uns zu beschweren“ (1996), das die erste Tocotronic-Platte in den Charts war. Es folgte der Höhe- und Endpunkt der ersten Phase des tocotronischen Schaffens und Tocotronic zogen sich für vier Wochen nach Frankreich ins Blackbox Studio zurück. Das Ergebnis des intensiven Nachdenkens und Aufnehmens war das Album „K.O.O.K“ (1999), von dem die Bandmitglieder aufgrund ihres Interesses an elektronischer Musik eine Remixplatte veröffentlichten („K.O.O.K. Variationen, 2000). Für die Aufnahmen gesellte sich Rick McPhail als zweiter Gitarrist zur Band. Auf das Remix-Album wurde „Tocotronic“ veröffentlicht, das bisher erfolgreichste Werk der Band, und 2005 „Pure Vernunft darf niemals siegen“.
Diskographie:
> Digital ist besser (1995)
> Nach der verlorenen Zeit (1995)
> Wir kommen, um uns zu beschweren (1996)
> Es ist egal, aber (1997)
> K.O.O.K. (1999)
> K.O.O.K. Variationen (2000)
> Tocotronic (2000)
> 10th Anniversary (2003)
> Pure Vernunft darf niemals siegen (2005)