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Thurston Moore – Demolished Thoughts
Thurston Moore – Demolished Thoughts

Thurston Moore – Demolished Thoughts

8.5

Genre: , ,
Label: Matador

Erstellt am: 24.05.2011
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Erstellt am: 24.05.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Die dunkle Saite des Mondes

Steve Albini schoss in den letzten Jahren immer wieder erneut scharf gegen Sonic Youth wegen angeblichem Ausverkauf und Verrat der Independent-Ideologie. Und nun auch noch ein akustisches Soloalbum vom Saitenmagier Thurston Moore in Zusammenarbeit mit Allerweltsliebling Beck. Ein schlaffes Altherrenalbum?

Ja, die Zusammenarbeit von Thurston Moore und Beck hat Anlass für Spekulationen gegeben. In welche Richtung wird Beck, der langsam aber sicher Jack White den Rang als interessantester Geburtshelfer und „Mädchen für alles“ abläuft, die Sonic Youth-Legende Moore leiten? Von Beck hätte man erwarten können, dass er seinen Kollaborateur nicht allzu stark in eine Ecke drängen würde und es dementsprechend in die Richtung „klassische“ Noise-Rock-Platte gehen könnte. Stattdessen ist nun aber Thurston Moores Version von Becks „Sea Change“ entstanden, allerdings in deutlich kryptischerer Stimmung.

Moore hat die Kunst des Feedbacks durch die Kunst des Pickings ersetzt. Beneidenswerterweise beherrscht er die ebenso virtuos. „Demolished Thoughts“ ist ein Album ganz im Zeichen der Saite. Neben verschiedenen Gitarren setzt Moore Violine und Kontrabass ein, die dem Album eine sehr ungewöhnliche Atmosphäre verleihen. Und als ob das nicht genug wäre, liefert Moore im Vorübergehen den Beweis, dass nicht nur Joanna Newsom etwas Vernünftiges mit der Harfe anstellen kann. Durch die Reizüberflutung wird manchmal nicht deutlich, welches Instrument für welche Klänge verantwortlich ist und die Klanglichkeiten von archaischen Saiteninstrumenten wie Cembalo, Laute, Balalaika und Sitar schwingen mit, obwohl sie nicht am Entstehungsprozess beteiligt waren. Dies ist vermutlich nicht zuletzt Beck zu verdanken, der immer einen sehr eigenen Gitarrenklang

Moore und Beck geizen nicht mit Referenzen an die Zeit, in der Punk noch in der Wiege lag. „Benediction“, die Vorab-Single, liess vermuten, dass „Demolished Thoughts“ in Richtung Lou Reed und des frühen David Bowie gehen könnte. Die Orchestrierung der Songs erinnert zum Teil (vor allem auf „Illuminine“) sogar an den Guru der Orchestration, Van Dyke Parks. Auch durch das Cover, das von meiner Primarschullehrerin das Prädikat „geschludert“ oder „lausig“ erhalten hätte, ergibt sich eine weitere Parallele zu einer Koryphäe aus den 70er-Jahren: Es verbeugt sich deutlich vor Neil Youngs „Zuma“. Nach den ziemlich entspannten ersten beiden Songs schlägt Moore einen düstereren Ton an, der an den hoffnungslosesten Songs von Nick Drake, der Incredible String Band und anderen britischen Folk-Rock-Bands aus den 70er-Jahren geschult ist, wobei die Texte über Einsamkeit, Verlust und Liebe auch aus Dylans Phase um „Time out of Mind“ stammen könnten.

Spätestens seit dem wunderbaren ruhigen Album von Dinosaur Jr.-Mastermind J Mascis, mit dem Thurston Moore auf seinem letzten Soloalbum von 2007 zusammengearbeitet hat, hätte es eigentlich nichts mehr zu befürchten geben müssen. Alternative Rocker aus den 80er-Jahren scheinen gut zu altern. Trotz scheinbar gegensätzlicher Herangehensweise sind allerdings die Unterschiede zwischen „Demolished Thoughts“ und früheren lärmigen Werken gar nicht so frappant. Die Debatte, ob akustisch oder elektrisch verstärkt, ist hier nur bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung die Gretchenfrage. Die Texturen entwickeln sich beim Hören in eine ähnliche Dichte wie die Feedback-Orgien von Sonic Youth-Alben und entwickeln eine Sogwirkung, die nur selten erreicht wird. Allzu weit fällt der Apfel nicht vom Stamm. Radikal wie eh und je.

Seit  20. Mai 2011 im Handel.

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Anspieltipps:
> Benediction
> Blood Never Lies
> In a Silver Rain With a Paper Key

Ähnliche Künstler:
> J Mascis
> Sunburned Hand of the Man
> Kurt Vile
> Sol Invictus
> Death in June
> Nick Drake
> Incredible String Band
> Vashti Bunyan
> Pentangle
> Wovenhand
> Strawbs (die früheren Sachen)
> Nico
> Lou Reed
> Neil Young
> Jim Sullivan

Diskographie:

> Psychic Hearts (1995)
> Root (1998)
> Trees Outside the Academy (2007)
> Demolished Thoughts (2011)