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The Hirsch Effekt – Holon: Agnosie
The Hirsch Effekt – Holon: Agnosie

The Hirsch Effekt – Holon: Agnosie

8.5

Genre: ,
Label: Long Branch Records (SPV)

Erstellt am: 22.06.2015
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Erstellt am: 22.06.2015   Autor:

Rezensionen

Kontrollierter Wahnsinn

Wie macht eine Band, bei der alles möglich ist, ihr drittes Album interessant, ohne alles zu ändern? Wie bleibt man innovativ, ohne dass der Hirsch Effekt verpufft? „Holon: Agnosie“ ist definitiv das professionellste Album des Trios aus Hannover. The Hirsch Effekt gewinnen darauf wieder an Härte, schleifen den ein oder anderen Orchesterpart genau so ab, wie den ganz fiesen Schmerz.

Wenn sich „Holon: Agnosie“ auf die Psychologencouch fläzen würde, man würde dem Album wohl Borderline diagnostizieren. Symptome gefällig? „Agnosie“ wechselt sekündlich zwischen textlichen Minderwertigkeitskomplexen und instrumentalem Größenwahn.  Dabei sind nicht mehr Trennung oder Trauer die dominierenden Themen. Die neue Wut richtet sich vor allem nach innen: „Wäre es möglich, sich selbst einen Tag nicht zu sehn / Ich wäre mir sicher / Ich würd‘ mir nicht fehlen“ heißt es im fantastisch arrangierten „Athesie“, dem vielleicht straightesten Postcore-Song, den The Hirsch Effekt je geschrieben haben.

Auf der anderen Seite verschieben sich die Härte-Explosionen noch mehr in Richung Metalcore – Highlights sind aber eher Groove-Monster wie „Bezoar“: „Wir stecken unsere Häuser in Brand / Nehmen unsere Kinder gefangen“. Auch umwerfend: der fiese Höhlenmensch-Aufstand „Dysgeusie“ – The Hirsch Effekt waren selten so druckvoll. Musikalische Koordinaten bleiben aber weiterhin The Dillinger Escape Plan und die von den Hirschen besonders verehrten Between the Buried and Me. Wobei The Hirsch Effekt letztere in puncto Fokus und Songwriting eigentlich längst überholt haben. Das muss auch mal gesagt werden: Der durchschnittliche Hirsch Effekt-Song – genau das verkörpert der Titeltrack hier – strotzt nur so von kraftvollem und einfallsreichem Songwriting.

Zum Abschluss der „Holon-Trilogie“ ist „Agnosie“ dann eben das Album, bei dem man sich so langsam an den Wahnsinn der Hirsche gewöhnt hat. Eben die „Rückkehr der Jedi-Ritter“ des Mathcore. Die exklusive Aufregung der Anfangstage ist zum Teil verflogen. Aber – damit  hier keine Missverständnisse aufkommen – es ist gut, dass ihr da seid, Jungs!