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Swans – To Be Kind
Swans – To Be Kind

Swans – To Be Kind

6.5

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Label: Young Gods/Mute

Erstellt am: 04.06.2014
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Erstellt am: 04.06.2014   Autor:

Rezensionen

Rotzlöffel

Die Grenzen der Rockmusik scheinen im 21. Jahrhundert ausgelotet. Schneller, härter, tiefer geht es nicht mehr. Doch da sind noch Stilmittel, mit denen einige Unverbesserliche ihre Hörer in den Wahnsinn und die Kritiker in Verzückung treiben – Wiederholung, Langsamkeit, Monotonie. 

Die New Yorker Swans haben es auch mit ihrem 13. Album geschafft, die Musikwelt ordentlich aufzumischen. Seit ihrem Quasi-Comeback „My father will guide me up a Rope to the sky“, das jede Menge Folk-Elemente beinhaltete, haben sich die Amerikaner unter der Führung von Sänger und Gitarrist Michael Gira wieder weitaus kompromissloserer Musik zugewandt. Das führte zu dem begeistert aufgenommenen Doppelalbum „The Seer“.

Ehrensache, dass es nur die Hälfte der Songs unter 10 Minuten ins Ziel schafft – „To be Kind“ ist ein Doppelalbum, dass seine Länge wirklich ausnutzt. Sich den knapp zwei Stunden des neuen Albums als ganzes zu nähern ist dem entsprechend schwierig, also zerlegen wir das Monster am Besten in seine Einzelteile.

Eigentlich ähnelt „To be Kind“ seinem Vorgänger sehr – mit „Screenshot“ enthält es einen Song, der so eintönig ist, dass er Monotonie definieren könnte – auch textlich: „No pain, no death, no fear, no hate/ No time, no now, no suffering“. Subtil fräsende Rhythmen treiben aber nicht nur diesen dicken Brocken nach vorne. Besonders groovy ist auch „A Little God In My Hands“, ein akustisch unglaublich vielschichtiger und treibender Noise Rock-Song, auch lyrisch eine Art Gegenstück zu „Screenshot“ : „Forever lazy, forever crazy / Forever holy, forever hungry“

Doch nicht alle Tracks sind derart pointiert . „Just a little boy“ zum Beispiel klingt im Aufbau großartig mysteriös, bedient aber keinen wirklichen Spannungsbogen und führt in zwölf Minuten eher zu einer Antiklimax mit Gelächter im Hintergrund und einem der miauenden und knurrenden Michael Gira. Bevor dann zum Ende hin ein paar mal das große  Finale vorgetäuscht wird, werden die meisten wohl schon abgeschaltet haben.

Der Mammut-Track „Bring The Sun/Toissant L´Ouverture“ hingegen verbindet die atmosphärischsten und obskursten Seiten des Albums mit steinharten Kraftmeiereien. Gerade wenn man glaubt, es wird langweilig, dann, man muss das jetz so sagen: dann sägt jemand etwas. Ja genau, jemand sägt etwas und beginnt schließlich, Holz zusammenzunageln. Und dann trappeln abgehetzte Pferdehufe vorbei – es ist zum Staunen, wie gut diese konfusen Samples sich einfügen in diese überwältigende Geräuschlandschaft, in diese Mischung aus Soundmüll und Bombast. „Liberty, Egality, Frrrrrraternity“ grummelt Gira zu allem Überfluss hier in einem seiner fiesesten Momente über trip-hoppige Orgel.

Darauf folgt einer der zurückgenommensten Songs der Platte. Das mit sirenenartigen Streichern gefüllte „Some Things We Do“ zählt genau das auf und folgt damit dem monotonen textlichen Muster des Albums.

Doch wie so viele Doppelalben leidet „To be Kind“ an der typischen Doppelalbum-Krankheit: Die zweite Seite fällt deutlich hinter die erste zurück. Sie beginnt mit dem eher uninspirierten aber stellenweise schön punkigen „She Loves Us“. Für 17 Minuten hat dieser Opener aber zu wenig Substanz. Besonders „Oxygen“ ist aber ein lärmender Nervtöter, der nichts beim Hörer erreichen kann.

Auch die B-Seite hat aber einige Höhepunkte: „Kirsten Supine“ mäandert wunderbar bedrohlich vor sich hin und führt in eine mantraartige Konklusion. Auch „Nathalie Neal“ bringt uns einen schönen Spannungsbogen, türmt Percussion auf Noise und Gebrabbel – aber auf kohärente Art. Wenn am Ende eine sanfte Akkustikgitarre zum verstörend schönen Ausklang aufspielt, ist man aber schon vollends geplättet.

Schiefe, metallische Lärmwände beenden schließlich eine obskure und teilweise durchwachsene Reise durch das Land der Möglichkeiten. Schön ist das nur selten, auch nicht furchterregend oder abgründig. „To Be Kind“ ist einfach fies, eklig und füllt damit eine ganz eigene Nische. Wer sich das anhört? Ganz schön viele und man kann sich sicher sein, dass „To Be Kind“ Maßstäbe setzt – im Bereich professioneller Nervensägen. Das beste ist, dass dieses Album tatsächlich irgendwie in den Charts gelandet ist, wenn auch nur für eine Woche.

Seit 12.05.2014 im Handel erhätlich

Anspieltipps:

Screenshot

A Little God In My Hands

Kirsten Supine