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Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase.
Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase.

Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase.

7.5

Genre: ,
Label: Kscope

Erstellt am: 18.04.2015
Autor:
Erstellt am: 18.04.2015   Autor:

Rezensionen

Steven Wilson ist der umtriebigste Progrocker unserer Zeit. Sein Solowerk, seine zahlreichen Bands und Nebenprojekte sowie seine Arbeit am Mischpult findet in der gesamten Musikwelt Beachtung. Was hat dieser Nerd, das ihn zum beliebtesten Musiker seiner Zunft macht? Und ist das seiner Musik überhaupt zuträglich?

Für ein Genre mit dem Wort „fortschrittlich“ im Namen schaut der postmoderne Progressive Rock verdammt oft zurück. Und man könnte sagen, dass Wilson dafür zumindest mitverantwortlich ist. Bestes Beispiel: sein hoch gelobtes letztes Album „The Raven that Refused to Sing“ war eine in Gruselgeschichten gepackte, einwandfreie Hommage an den 70er-Abenteuer-Rock von Yes und Genesis.

„Hand. Cannot. Erase.“ traut sich da einiges mehr. Es ist ein Schritt in Richtung Pop und Elektronik, aber auch eine Reise zurück in härtere Gefilde, die Wilson letztmals mit seiner Quasi-Hauptband Porcupine Tree erkundet hat. Doch der passionierte iPhone-Zerstörer Wilson wäre nicht er selbst, hätte er nicht ein sendungsbewusstes Konzept über sein Album gespannt.

Die Geschichte dürfte den Social Media-Kritikern in die Karten spielen. Es geht um eine junge, beliebte und attraktive Frau, die in die Großstadt zieht und eines Tages völlig unerwartet stirbt. Doch niemand bemerkt ihren Tod, drei Jahre lang liegt sie unbeachtet in ihrer Wohung. So weit so unapettitlich. Doch man bekommt das Gefühl, „Hand. Cannot. Erase“ arbeitet ein ganzes, junges Leben auf – viel mehr als einen viel zu frühen Tod.

In der ersten Hälfte zeigt Wilson, wie perfekt songbasiertes Storytelling funktionieren kann. Die ausufernde Prog-Oper „3 Years Older“, das poppige Titelstück und das stille Spoken Word-Intermezzo „Perfect Life“ komplementieren sich perfekt. Eine Erzählung über die schnellen Stunden und ruhigen Sommer des Lebens.

Aber auch in den folgenden Songs gibt „Hand. Cannot. Erase.“ einen Rundumschlag. Mit seinen düsteren Riffs ist „Home Invasion“ nicht nur mit Zeilen wie „Download sex and download god“ sehr nah an Porcupine Tree zu „Fear of a Blank Planet“-Zeiten. Und selbst Pink Floydesker Größenwahn gelingt Wilson in „Routine“ und „Regret #9“, bevor dem Album dann aber doch die Puste ausgeht.

„Hand. Cannot. Erase.“ zeigt zwar vieles, was man in den letzten Jahren eher selten von Wilson und seinem Umfeld zu hören bekam. In den letzten Songs bemerkt man aber, dass dieser perfekt ausproduzierte Hochglanz-Prog ohne gutes Songwriting trotzdem nur Mittelmaß ist.