Exit Music
SDNMT – The Goal Is To Make The Animals Happy
SDNMT – The Goal Is To Make The Animals Happy

SDNMT – The Goal Is To Make The Animals Happy

9.0

Genre: , ,
Label: Sinnbus

Erstellt am: 01.10.2007
Autor:
Erstellt am: 01.10.2007   Autor:

Neuerscheinungen

Pstrck

Postrock (ein Unwort, ich weiss…). Diese Stilrichtung fesselt mich seit geraumer Zeit. Seidenmatt spielen die deutsche Version davon, sehr perfekt.

Versucht man Normalsterblichen, die auch an einem Lied über einen Regenschirm (-irm, -irm…) grössten Spass haben können, zu erklären, was man denn selbst bevorzugt hört und dann von Postrock zu labern beginnt (Im Sinne von: „ja, halt so sehr ausdrucksstarke, tiefgehende, untanzbare Musik mit viel Gitarren und ohne Gesang“), kriegt man als Antwort meist einen schrägen Blick oder ein gelangweiltes Gähnen. Ihr Banausen.

Ich kann mich knapp daran erinnern, Seidenmatt mal in Zürich als Support von jemandem (wahrscheinlich Honey for Petzi oder so) spielen gesehen zu haben, jedenfalls kaufte ich mir damals die ersten beiden Alben „Wasserluft“ und „IYUTSO-BY“ gleich im Doppelpack und erfreue mich noch heute des Öfteren daran. Nun erscheint das dritte Werk mit dem eigenwilligen Titel „The Goal Is To Make The Animals Happy“. Da meine Hauskatze vor kurzem das Zeitliche segnete, kann ich den Praxistest mit ihr schlecht durchführen, mich jedenfalls beglückt das neue Werk schwer.
Doch wie beschreibt man diese Musik? Ein Zitat der grandiosen Explosions In The Sky passt hier meiner Meinung nach wie Schuhgrösse: „We just play images, emotions“. Ich versuche es sinnvollerweise mal mit einem weltweiten Vergleich. Die Japaner (Mono) sprechen mehr als alle anderen Bands des Genres die Emotionen bzw. das Herz des Zuhörers an; die Amerikaner (Red Sparowes, Jesu) spielen härter, druckvoller, können gar ins Genick gehen; die Franzosen bzw. Welschen (37500 Yens, Sincabeza, Honey for Petzi) wollen mittels unwahrscheinlich komplexer Rhythmik und beinahe verkorkstem Spiel vielleicht überraschen, fordern, vor allem jedoch verwirren, also kopflastig, während die Schotten (Mogwai) gleichermassen herausfordern, berühren, weghauen und begeistern. Die deutsche Szene ist mir leider noch etwas unbekannt. Bis auf Seidenmatt. Obwohl diese auf dem neuen Album vereinzelt (immerhin mehr als auf den Vorgängern) zum ungewohnten Stilmittel Gesang greifen, dadurch ganz leicht in Richtung Indie abdriften, bleibt der Grossteil des Albums den Gitarren treu. Anderes fällt jedoch beim Vergleich mit ähnlichen Bands viel rascher auf. Einerseits die sehr gezielt eingesetzte Elektronik, diese fügt sich lücken- und nahtlos ins meist ruhige, entspannende Spiel um Gitarren, Bass und Schlagzeug und verleiht der Musik somit einen Hauch von Plan, vielleicht Perfektionismus. Trotzdem können überraschende Gitarrenwände in gewohnter Manier zu wunderschönen Hühnerhautattacken führen, Postrock halt. Andererseits fällt die spielerische Vielfalt auf. Während Mono minutenlang sehr still und bedacht auf den instrumentalen Orgasmus vorbereiten und Honey for Petzi sich endlos zu wiederholen scheinenden Tonfolgen hingeben können, haben Seidenmatt einen Weg gefunden, einen eigenen, unverkennbaren Stil herauszubilden und trotzdem mehrere Subgenres zu bedienen. Die Gesangsparts, die scheue Elektronik und die rhythmische, instrumentale sowie spielerische Vielfalt (bei „Jazz™“ denke ich kurz an Kante, dann aufgrund der Streicher wieder an Mono) zeugen jedoch von grosser Experimentierfreudigkeit, höchsten spielerischen Fertigkeiten und einem guten Riecher für musikalische Weiterentwicklung. Den halben Stern Abzug gibt’s nur für die Stücklänge, mir persönlich genügen vier bis fünf Minuten pro Track nicht, um völlig darin aufzugehen. Die Mischung aus solidem Indie, ausufernder Kreativität und spielerischer Genialität macht die Platte jedoch zu einem Must-Have für jeden Genreliebhaber. (Und alle anderen sollen doch den blödsinnigen Regenschirm bitte wegwerfen und beginnen zu geniessen statt zu konsumieren.)

Seit 28. September 2007 im Handel.