Exit Music
Scott Walker – The Drift (2006)
Scott Walker – The Drift (2006)

Scott Walker – The Drift (2006)

10

Genre: ,
Label: 4AD

Erstellt am: 10.07.2006
Autor:
Erstellt am: 10.07.2006   Autor:

Neuerscheinungen

Den Tod und nicht das Ende vertonen

11 Jahre nach „Tilt“ und 22 Jahre nach „Climate of Hunter“ erscheint die endgültige Vollendung, die Walker nur noch selbst toppen könnte. „The Drift“ bewegt sich nicht nahe am Abgrund, es ist längst runtergefallen.

Scott Walker vollbringt es, der Musik die den Text nachahmende, unterstreichende und vollendende Rolle zu projizieren, was in dieser Form sonst niemand im Grossbereich Popmusik tut und in dieser Klasse auch niemand könnte. Deshalb bekommt das Stichwort Atmosphäre eine völlig neue Bedeutung. Der Tod klopft so real an die Tür, dass einem schlecht wird. Sind es manchmal nur winzige Gitarrenwirbel (wie im Anfang von „Jesse“), welche die Spannung hochhalten, so begeistern und beängstigen einem vor allem immer wieder die herrlich arrangierten Geigen (in „Clara“ am vorzüglichsten) oder eruptierenden Geräusche, deren Ursprung man lieber nicht wissen möchte. Und darüber darf man sich stets ab Scott Walkers Geisterstimme erfreuen; wie dieser Mann auf „The Drift“ singt, ist ausserirdisch (gut). So zum Beispiel in „Jesse“ (In times of loneliness and despair, Elvis Presley would talk to his stillborn twin brohter Jesse Garon Presley), wo Scott hilfeschreiend, aber doch überzeugt “Im the only one left alive” singt. Und wenn die gequälten Elefantenstimmen einsetzen, sind Seele und Körper – getrennt voneinander – endgültig in einer grotesken Zwangsanstalt eingeliefert worden, wo Orgien, Folterungen und Sadismus nicht wegzudenken sind.
Hier werden Verzweiflung und Hass mit unheimlicher Sicherheit und Souveränität dargeboten, dass einem der Atem stockt. Und wenn die Musik das Spielchen mitspielt, und in seiner spontanen wie überraschenden Hässlichkeit und Abartigkeit dich beginnt auszulachen, dann befindest du dich endgültig mitten in Grenzerfahrungsprojekten. „The Drift“ ist in seinem Grössenwahn aber so wuchtig genial und aufwühlend spannend, dass dich diese Prozedur/Tortur mehr fasziniert und elektrisiert als abschreckt.
„Cue“ ist ein selten grosser Song, beginnt völlig skurril mit der Zeile „What do Seoul / Sudan have in common? / Both start with an S“, geht über in Schreie der absoluten Todesangst und endet leise und bescheiden in kleinen Worten. Bis sie der Anfang von „Hand Me Ups“ erbarmungslos verschlingt. Und unrhythmisch rauskotzt und erneut verzehrt. Die Texte auch hier aussichtslos und grauenhaft, aber stets hinter verschlossenen Gittern. Konkret sind sowieso nur die drei bekannten Namen, die während dieser nicht enden w-/sollenden Zeremonie fallen. Anfang „Buzzers“ mit Milosevic der Dritte und Letzte, aus einzelnen Radiozitatfetzen ineinanderzukleben. Mit ganz viel Geduld und Ernsthaftigkeit macht Walker aus „Buzzers“ den ruhigsten, aber nicht harmlosesten Song auf „The Drift“. In „Psoratic“ folgen dann meisterliche Kunstgedichte, Laubsägenmelodien und wie eigentlich auf dem ganzen Werk (stets im Hintergrund zu vernehmen) das Geräusch der aufbrechenden Wolken, die allerdings bis zum Ende nicht aufgehen wollen. So bleibt die Welt unter dunkelsten grün-violett-schwarzen Platten leblos. Doch Scott Walker bildet eigentlich nur die heutige Welt in seiner Banalität sowie Grausamkeit ab und nimmt dich mit auf seiner Flucht: „You and me against the world“ oder „Wolrd about to end“. Zum Schluss hin wird Scott Walker noch so was wie persönlich und spielt allen Überlebenden noch ein Ständchen.
„The Drift“ – in seiner Dringlichkeit beispiellos, in seinem künstlerischen Anspruch glorios – ist wie eine schwarze Wand, die weiss beschriftet vor dir steht. Sich in seiner Mächtigkeit niederschmetternd vor dir auftürmt. Endlos hoch. Endlos breit.
Hinter dieser Wand öffnen sich aber Räume und Welten, die einem letztlich paradoxerweise optimistisch stehen lassen.

Blumfelds „Verbotene Früchte“ sind das bunte Leben,
Scott Walkers „The Drift“ ist der schwarze Tod.
Leben und Tod, mehr gibt es nicht.
Mehr brauchst du nicht.

Seit dem 5. Mai 2006 im Handel.

Anspieltipps: THE DRIFT
Trackliste: 1) Cossacks Are; 2) Clara; 3) Jesse; 4) Jolson And Jones; 5) Cue; 6) Hand Me Ups; 7) Buzzers; 8) Psoriatic; 9) The Escape; 10) A Lover Loves
similar artists: vielleicht Matt Elliott, Antony & The Johnsons

 

Bio:
22 Jahre nachdem Scott Noel Engel in Ohio geboren wurde, verlieben sich britische Radiohörer in einen Song mit hymnischem Hippie-Charakter, der weder so recht ins beatverrückte Geschehen passt, noch mit einer positiven Grundmessage aufwarten kann: „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers. Textzeilen wie „Loneliness is a cloak you wear“ oder „Emptiness is a place you’re in“ weisen bereits auf den stark von düsterer Melancholie geprägten Songwriting-Ansatz des federführenden Komponisten hin, Scott Walker. Der Song katapultiert die Band mit den zeitgemäßen Mod-Frisuren nach „Make It Easy On Yourself“ im Jahr zuvor erneut an die Spitze der englischen Charts und gilt als ihr erfolgreichster Song, obwohl es eigentlich eine Coverversion von Frankie Valli (Four Seasons) ist. Exemplarisch lässt sich an diesem Song auch der staatstragende, meist ins Tragische und Morbide kippende Vortrag Scott Walkers ablesen, der später auch seine Soloalben dominieren sollte. Zwischen 1965 und 1967 veröffentlichen die Walker Brothers drei Alben: „Take It Easy With The Walker Brothers“, „Portrait“ und „Images“. Anschließend trennen sie sich und jedes Mitglied startet eine Solokarriere. Am erfolgreichsten wird allerdings jene von Scott Walker. Während draußen unaufhaltsam die psychedelische Welle anrollt, veröffentlicht Scott mit seinem gleichnamigen Debütalbum ein reich orchestriertes Werk, das deutlich von seinen Vorbildern Frank Sinatra und Jacques Brel beeinflusst ist. Mit seinen verzweifelten Texten, surrealen Melodien und den weiterentwickelten Crooner-Qualitäten bricht Walker mit seiner vergleichsweise heiteren Vergangenheit, erobert erstaunlicherweise dennoch die Gunst der Zuhörer. Das Album „Scott“ klettert 1967 in den englischen Charts bis auf Rang drei. In wahnwitzig rascher Folge erscheinen die Nachfolgewerke „Scott 2“ (1968), „Scott 3“ (1969) und „Scott 4“ (1969), auf denen er seine melancholische Kunst in Soul-, Country- und Folkballaden weiterspinnt und auch eigene Favoriten von Brel und Burt Bacharach neu interpretiert. „Scott 4“ beinhaltet erstmals ausschließlich eigene Kompositionen und zitiert auch hier und da den aufstrebenden Ennio Morricone. Am erfolgreichsten schneidet „Scott 2“ inmitten der Hippie-Ära ab, angefeuert von der Hitsingle „Joanna“. „Scott 4“ findet dagegen kaum noch Käufer. Trotzdem bietet ihm die BBC 1969 eine eigene Fernsehshow an, in der er seine Songs und die seiner Idole einem größeren Publikum zugänglich macht. So engagiert und voller Tatendrang Scott Walker die 60er Jahre beschließt, so behäbig starten für den Sänger die 70er. Das Album „Til The Band Comes In“ erscheint 1970 nur auf Druck der Plattenfirma Philipps, die Walkers Namen unbedingt in der Öffentlichkeit im Gespräch halten will. Scotts kreative Phase ist derweil in einer ernsthaften Krise, mit dem nächsten Album „The Moviegoer“ wendet er sich 1972 beinahe schon radiofreundlichen Popsongs zu. Auf „Any Day Now“ (1973) interpretiert er u.a. Stücke von Bacharach und Randy Newman. Anschließend unterschreibt er bei CBS für zwei Alben. 1975 sorgt überraschend eine Walker Brothers-Reunion für Schlagzeilen. Die Walker Brothers-Rückkehr mit dem Album „No Regrets“ kann nur bedingt an alte Erfolge anknüpfen, ein ähnliches Schicksal erfahren auch die Folgewerke „Lines“ und „Nite Flights“ (1978). Letzterem Werk kann man hingegen starke Einflüsse von Bowies jüngsten Elektronik-Experimenten mit Brian Eno entnehmen, für die sich Scott begeistert. Nach dem erneuten Split der Walker Brothers bleibt es lange ruhig um den enigmatischen Sänger. Wie aus dem Nichts erscheint 1984 das experimentelle Soloalbum „Climate Of Hunter“, ein für das damalige Pop-Verständnis außerirdisches Werk. Scott Walker mixt Rock-Elemente mit klassischen Strukturen und setzt seine hohe, schwere Stimme wie ein Maler den Pinsel ein, einzig um eine spezielle Atmosphäre zu erschaffen. Songstrukturen finden sich kaum mehr. Dennoch darf dies nur als eine leichte Vorwarnung an seine alten Fans gelten, im Vergleich dazu, was zehn Jahre später aus seinem Aufnahmestudio entfleucht. „Tilt“ verzichtet 1995 gänzlich auf Popschemata jeglicher Art und hintergeht sämtliche rückwärts gewandten Publikumserwartungen wie 1975 Lou Reeds „Metal Machine Music“. Scotts melodramatische Stimme tanzt verloren wie ein Engel über den brüchigen Grabstätten, die die einzelnen Songs markieren. Anschließend gehen wieder zehn Jahre ins Land bis zur nächsten Scott Walker-Veröffentlichung. Einzig ein Soundtrack zum französischen Film „Pola X“ bietet 1999 neben Sonic Youth und Smog noch ein paar Walker-Schauerlieder auf, die aber größtenteils aus der „Tilt“-Phase stammen. Ohne vollmundige Ankündigung bereichert am 12. Mai 2006 ein neuer Walker-Tonträger die vorurteilsfreien Plattenketten. „The Drift“ zeigt Meister Walker einmal mehr in Experimentierfreude.

Diskographie:

> Scott 1 (1967)
> Scott 2 (1968)
> Scott 3 (1969)
> Scott 4 (1969)
> Scott sings Songs from his TV-Series (1969)
> Til the Band comes in (1970)
> The Moviegoer (1971)
> Any Day Now (1973)
> Stretch (1973)
> We Had It All (1974)
> Climate of Hunter (1983)
> Tilt (1995)
> The Drift (2006)