Exit Music
Quidam – En Eaux Profondes
Quidam – En Eaux Profondes

Quidam – En Eaux Profondes

9.0

Genre: ,
Label: Naive

Erstellt am: 22.04.2008
Autor:
Erstellt am: 22.04.2008   Autor:

Neuerscheinungen

Eh oui – Flottes mit Bremsern aus Frankreich.

Il parlent Pop: Drei Herren aus dem Massif central spielen populäre Musique französischer Prägung – keine Revolution, erstaunlich abgeklärt, weitestgehend gehaltvoll, mitunter etwas wütend, selten belanglos, ordeli gut.

Geschätztes Auditorium,die Benennung von Gruppe und anzuzeigendem Album lässt aufhorchen: „ein Gewisser, ein Jemand“ (lateinisch quidam) spielt in tiefen, stillen Wassern. Na ja, derart tiefgründig ist die ganze Chose nicht überall, doch eins nach dem andern. Wer’s traditionell mag, und von französischen Musikern halt zunächst französische Chansons erwartet, wird – auch – bedient: „Sarah“ und „En Hiver“ stehen in einer langen Reihe des Genres, und zwar sowohl musikalisch als auch textlich. Allerdings hat das französische Trio um Sänger Yannick Demaison ebenda nicht seine lichtesten Momente. „En Hiver“ schielt schlicht zu sehr auf Akzeptanz, auf Melancholie à la Interpol, das Leiden der Stimme ist unbedarft, die Windgeräusche im Hintergrund sind lächerlich. „Sarah“, das auf bessere Jahreszeiten wartende Mädel, muss sich gar Weises anhören, etwa dass die Strasse halt lang (wohl eher langweilig) sei oder dass sie reisen müsse. Pff … Die leisen, melancholischen Töne von „Dans L’eau“ treffen den Gehörnerv schon präziser. Zwar etwas überzuckert, aber mit den Tempi spielend, sind die Streicher im Hintergrund clever eingepasst. Noch stärker wirkt das ebenfalls ruhigere „Mon Enfance“, im Intro an den eigentlich unvergleichlichen Fred Poulet erinnernd. Wie die „Jemands“ mit subtil eingesetzter Technik (etwa zu Beginn) die akustische Gitarre und den nun überzeugenden Gesang ergänzen, hat Achtziger-Synthie-Charme. Die Verzerrungen und der kalte Bass im finalen, letztlich überbordenden „En Eaux Profondes“ weisen ebenfalls in diese Dekade zurück und manifestieren, dass man es tatsächlich mit einer talentierten Formation zu tun hat – sofern sie nicht Fragilität zelebriert.
Rockig, direkt und schnörkellos machen sich die Franzosen in „De Sang Froid“ daran, das Auditorium endgültig von ihren Qualitäten zu überzeugen. Und dieses Ansinnen gelingt. Hier versprühen sie eine trotz allem zurückhaltende Aggressivität, untermalt von einer klaren Melodie. Aus derselben Kiste zaubern sie den Opener „Pars“ und das anschliessende „Paris“: Die Post geht nicht konsequent ab, aber die Pferde galoppieren fesch. Beide Kompositionen orientieren sich am Stil der unzähligen „The“-Bands, ohne der Beliebigkeit zu verfallen. Nein, diese Tracks zeichnen sich wirklich durch Tiefe aus. Die Tempi nicht forciert zu variieren, ein gutes Einvernehmen zwischen allen Instrumenten und dem keineswegs exaltierten Gesang zu erreichen – les Messieurs stellen ihre Reife eindrücklich unter Beweis. Ähnlich zu beschreiben ist „Disparaître“: ein zwei Minuten langes Statement guten Pop-Rocks.
Fazit: „En Eaux Profondes“ ist ein erfreuliches, knapp achtunddreissig Minuten dauerndes Album, dass zum Kauf feilgeboten werden darf. Was stört, ist das aufgesetzte Getue der Band (man besuche die Links im weltweiten Netz): Eine verschworene Personaleinheit kommuniziere nur mehr mit Musik, habe sich „avec des textes secs et nerveux [sic]“ mit Leib und Seele radikal der Musik verschrieben und praktiziere derenthalben eine Politik der „verbrannten Erde“. Besonders Letzteres ist dümmlich. Wir anerkennen das ausserordentliche Potential der Musikanten Quidams, freuen uns über acht ausgezeichnete Lieder, sehen aber nicht das offenkundig vorgeschobene dunkle, pathetische Kolorit des Projekts. Solches Gehabe hätten die Burschen überhaupt nicht nötig: Jouez, les gars, ne parlez pas, jouez!
Unsere Ansicht: Man höre und beurteile all dieses selbst. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.

Seit 28. März 2008 im Handel.

Anspieltipps: De Sang Froid, Paris, Pars, En Hiver

Trackliste: 1) Pars; 2) Paris; 3) Nos Souvenirs; 4) Des Nuits; 5) Dans L’eau; 6) Mon Enfance; 7) Mes Crimes; 8) Disparaître; 9) En Hiver; 10) De Sang Froid; 11) Sarah; 12) En Eaux Profondes
similar artists: Hollywood Porn Stars (in den heftigeren Momenten), Nada Surf (besonders in „Nos Souvenirs“ und „De Sang Froid“), Aston Villa, Indochine

> Hören und Kaufen
> Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Bio:
Yannick Demaison (Gesang/Gitarre), Pierre Bogros (Bass) und Roman Carrier (Schlagzeug) sind Quidam. Sie stammen aus Clermont-Ferrand und kennen sich von Kindsbeinen an. Eigenen Angaben zufolge haben sie vier Jahre am präsentierten Erstling gearbeitet, in den ihre Bühnenerfahrungen eingeflossen seien.


bottom
Diskographie:

> En Eaux Profondes (2008)

{mos_sb_discuss:6}