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Purity Ring – Shrines
Purity Ring – Shrines

Purity Ring – Shrines

8.5

Genre: , ,
Label: 4AD

Erstellt am: 23.08.2012
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Erstellt am: 23.08.2012   Autor:

Neuerscheinungen

Persönlichkeitsspaltung des Pop

Unheimlich ist das vertraute Unvertraute. Und nur weil uns das Unheimliche vertraut ist, ist es unheimlich. So verhält es sich auch mit der Musik auf „Shrines“, dem Debüt von Purity Ring. Das Album ist der böse Zwilling des Pop, den Freud mit aller Freude auf der Couch auf Leber und Niere geprüft hätte.

Auf dem Blatt klingt es so, als kenne man alle Zutaten schon, die Purity Rings Musik ausmachen. Der Drum-Computer klingt so wie er seit Lil’ Jon durch jeden zweiten Südstaaten-Rap-Song geistert. Die Synthesizer sind dieselben, mit denen Tiësto und Darude Ibiza erzittern lassen und der Gesang könnte eigentlich auch von Lykke Li oder Beach House stammen. Nimm „Obedear“. Der Synthesizer am Anfang erinnert stark an den alles andere als unheimliche Club-Banger „This is how we do“ von The Game und 50 Cent, die Beats finden sich so auch irgendwo bei den Ying Yang Twins (also bei ziemlich konventionellem HipHop). Die Stimmsamples als eine Art Melodieinstrument zu verwenden, ist in der aktuellen elektronischen Musik so gängig wie simpel (und trotzdem effektvoll wie Dan Deacon und Balaam Acab beweisen). Die elektrischen „Toms“ in „Fineshrine“ sind praktisch identisch mit jenen in James Blakes „The Wilhelm Scream“, und Teile aus „Belispeak“ erinnern gar vage an Euro-Trance aus den 90er-Jahren.

Fast jeden Effekt auf „Shrines“ hat man schon mal gehört, aber hier ist alles ins Pervertierte gewendet, ob in der Wirkung eher Sizzurp oder Absinth ist nicht immer klar. „Shrines“ wirkt wie eine Art böser Doppelgänger der Popmusik. Wie bei einer schwarzen Messe werden die ursprünglichen Codes in ihr Gegenteil verkehrt. Aus gut, niedlich, gewöhnlich mach verstörend, irritierend, Purity Ring verdankt sichtlich viel dem kurzlebigen, doch inspirierenden Witch-House-Trend, der spätestens durch den etwas armseligen Deftones-Ableger Crosses zu Grabe getragen wurde, jedoch ohne sich zu sehr darauf zu stützen.
Dass die Songs von Purity Ring neben allen irritierenden Effekten immer auch unverschämt eingängig sind, grenzt an ein Wunder. Ihre Songs sind auf einem zweiten Blick tief im Herzen des Pop verwurzelt, wohl aber eher auf dessen unbewussten, dunklen Seite. Die Melodien sind unheimlich, weil sie sich so sublim und scheinbar schwerelos über die massiven und schwerfälligen Beats erheben, die immer mal wieder zu entgleisen, zu stolpern drohen.
Anders als der stets etwas bedeutungsarme Ästhetizismus der Witch-House-Texte darf man jene von Purity Rings durchaus als poetisch bezeichnen. Romantisch (im Sinne E.T.A. Hoffmanns) sind sie, indem sie die okkulte Atmosphäre der Musik, die aus dem „Geisterreich“ rüberklingt, perfekt mit ausdrucksstarken Bildern bereichern. Auch sie beziehen sich wie die Musik direkt auf das Unbewusste: den eigenmächtig sprechenden Bauch oder den „Kult“ in Innern des Körpers, dessen Tiefen durch die strahlende Vernunft nicht ausgeleuchtet werden können.

Die Verzerrung von bekannter und vertrauter Musik und der ständige Rekurs auf die existentiellen und der sich dem Verstand entziehenden Seiten des Lebens gehört zu den eigenartigen Stärken dieser Band. Das bringt die Musik Purity Rings in die Nähe eines andern berühmten Freud-Patienten, auch wenn dessen Musik Galaxien von derjenigen Purity Rings entfernt ist: Gustav Mahler.

Seit  20. Juli 2012 im Handel.

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Anspieltipps:
> Belispeak
> Fineshrines
> Lofticries

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