Exit Music
Portugal. The Man – Church Mouth
Portugal. The Man – Church Mouth

Portugal. The Man – Church Mouth

9.0

Genre: ,
Label: Fearless Records

Erstellt am: 20.08.2007
Autor:
Erstellt am: 20.08.2007   Autor:

Neuerscheinungen

Den Mund vollgenommen

Grosse Klasse! Portugal. The Man schaffen es, auf ihrem zweiten Album erlesenste Essenzen aus mehr als dreissig Jahren Musikgeschichte völlig neu einzukleiden und in zwölf schlüssige Songs zu packen.Die gesamte Musikpresse ringt nach Worten, wenn es um die stilistische Beschreibung der Band geht. Folk, Soul, Hip Hop, Progressiv-, Retro-, Electrorock…recht haben alle, aber irgendwie trotzdem niemand.

Aber wieso lange kategorisieren, wenn das Hören soviel Spass macht? Deutlicher als auf dem Debut sind auf „Church Mouth“ vor allem die Einflüsse aus den 60er- und 70er-Jahren – Beatles, Led Zeppelin und The Doors fallen mir spontan ein – welche ein angenehm warmes Grundfeeling erzeugen, das sich über die ganze Platte hinweg zieht.
Der Aufnahmeprozess selbst klingt nach Aussage von Zach Carothers so ziemlich nach dem Albtraum eines jeden Produzenten: Da kommt eine Band für knappe vier Wochen ins Studio mit nichts weiter als einigen Basisideen, aufgrund derer sie dann mal eben die Songs komponieren und auf Platte bannen will…Entsprechend klingt das Resultat sehr organisch, man merkt, dass die Songs erspielt und nicht am Reissbrett konstruiert wurden. Entgegen beispielsweise The Mars Volta, mit denen sie oft und nicht zu Unrecht verglichen werden, leiten Portugal. The Man ihren Ideenreichtum und Spielwitz allerdings in Bahnen, wo der Konsument ein Album mit zwölf kurzen und relativ leicht zugänglichen Songs mit vielen Überraschungen erhält: Wahrlich eine Kunst für sich.

So kommen beispielsweise im funkigen „Telling Tellers Tell Me“ Erinnerungen an Rage Against The Machine auf. Eine groovige Basslinie trifft auf eine leicht angezerrte Gitarre mit dezentem Fingerpicking, ehe im Refrain grosse Geschütze aufgefahren werden und John Gourley sich mit effektverzerrtem Gesang die Seele aus dem Leib singt.
„My Mind“ hat einen bezaubernd lockeren Flow, leicht wie die ersten Frühlingsgedanken. Im Refrain kontrastieren sich Gesang und Leadgitarre auf wunderbare Weise und ganz zum Schluss wird wie selbstverständlich das Tempo gedrosselt und sanft bluesig abgeschlossen.

Bassist Zach Carothers ist ein Meister der Dosierung, insbesondere live ist auffällig, mit wie streckenweise minimalistischem Spiel er zusammen mit Schlagzeuger Jason Sechrist einen mitreissenden Groove erzeugt. Dazu meistert er die häufigen und anspruchsvollen Gesangsparts souverän und das Stageacting lässt in punkto Energie keine Wünsche offen.

Es gäbe zu jedem Song etliches zu bemerken, das positiv in die Waagschale fällt, viel besser scheint mir jedoch einfach an dieser Stelle mit der Empfehlung aufzuhören, dass sich jeder aufgeschlossene Rockmusikfan ein bisschen Zeit für diese sympathische und enorm talentierte Band nimmt. Von meiner Seite gibt es als Anreiz 4.5 Punkte.

Seit 20. Juli 2007 im Handel.

Anspieltipps: My Mind, Sleeping Sleepers Sleep
Trackliste: 1) Church Mouth; 2) Sugar Cinnamon; 3) Telling Tellers Tell Me; 4) My Mind; 5) Shade; 6) Dawn; 7) Oh Lord; 8) Bellies Are Full; 9) Children; 10) The Bottom; 11)Sleeping Sleepers Sleep; 12) Sun Brothers
similar artists: The Mars Volta, ?

Bio:
Portugal. The Man stammen bis auf Drummer Jason Sechrist aus Alaska. Nach dem Ende der Vorgängerband Anatomy Of A Ghost suchten Zach Carothers (Bass, Gesang) und John Gourley (Gitarre, Gesang) nach neuen Mitstreitern und zogen nach Portland. Auf dem international vielbeachteten Debutalbum „Waiter: „You Vultures!““ wurden sie von Wesley Hubbard (Keyboards)unterstützt. Live sind jeweils zusätzliche Musiker an Gitarre und Keyboard dabei, Kern der Band sind jedoch Jason, John und Zach.
Die Band tourte fleissig in den USA und Europa (laut Zach im Juni 2007 bis dato über 300 Shows) und schafften es sprichwörtlich spielend, dem Lob der Kritiker gerecht zu werden. Mit der Veröffentlichung von „It’s Complicated Being A Wizard“ bewies die Band, dass sie trotz Erfolgsdruck und hohen Erwartungen keine Kompromisse in der Musik machen, die erwähnte EP erweist sich als gelungene Experimentalplatte, die trotz der strukturellen Unterschiede gegenüber dem Debüt, nur von Portugal. The Man stammen kann.
Mit „Church Mouth“ erschien soeben das zweite Album der Band, mit dem sie sich erneut in die Herzen der Kritiker spielten. Live dürften sie auch die potenziellen Fans erobern, gibt es doch viel zu wenige Bands, die es auf der Bühne schaffen, ihre Songs auf den Punkt zu spielen, aber auch immer wieder spontan und ungeheuer dynamisch einzelne Parts auszuweiten und so jedes Konzert zu einem einmaligen Event werden lassen.