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Owen Pallett – In Conflict
Owen Pallett – In Conflict

Owen Pallett – In Conflict

7.0

Genre: , ,
Label: Domino

Erstellt am: 16.07.2014
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Erstellt am: 16.07.2014   Autor:

Rezensionen

Endlich greifbar

Schlechte Lautsprecher nehmen diesem Album fast alle Qualitäten. Das spricht zwar nicht für Palletts Songwriting-Stärken, aber umso schöner ist es, sich mit Kopfhörern komplett im guten Sound von „In Conflict“ zu verlieren, in dieser Zelebration des entrückten und archaischen Baroque-Pop mit modernen Mitteln.  

Es ist keine laute Stimme, die den Hörer hier ruft, auch kein Album für jede Stunde. Wenn Owen Pallett für Arcade Fire, Robbie Williams oder sogar Linkin Park arbeitet, sind seine Arrangements stets das Krönchen auf einem guten Song. Das war bei der hervorragenden Arcade Fire-Single „Reflektor“ so, oder auch bei Robbie Williams´ „Candy“.

Sein eigenes Werk aber war meist zu verspult, wie ein Spielplatz, auf dem sich Pallett austobt, um das auszuprobieren, was er bei seinen Auftragsarbeiten nicht machen konnte. Dabei blieb das Songwriting oft auf der Strecke und die recht montone Stimme des Kanadiers tat ihr Übriges dazu, um beispielsweise sein letztes Album „Heartland“ zu einer schwierig zu hörenden Angelegenheit zu machen.

Dabei gibt es so viele Argumente dafür, dass diese Musik gefällt. Natürlich die instrumentale Perfektion, die verschiedensten Streich- und Blasinstrumente, die Pallett mit akribischer Arbeit arrangiert. Aber hier und da blinkte auch mal eine gehörige Portion gutes Songwriting durch – „E is for Estranged“ gehört bis heute zu den schönsten und außergewöhnlichsten Klavierballaden der letzten Jahre.

Das reichte, gemeinsam mit seinen weiterhin hervorragenden Kollaborationen, um zumindest ein wenig auf sein neues Werk gespannt zu sein. Vier Jahre nach „Heartland“ ist vieles anders, das ruft einem die Single „Riverbed“ ins Gesicht, ein erdrückender Noisepop-Kracher, den Pallett mit Hilfe von Brian Eno gezimmert hat. Außer diesem Track gibt es nur noch einen reinen Popsong auf diesem Album, den Opener „I Am Not Afraid“, der Palletts Falsett sehr schön auskostet.

Zwar stellt sich nach dem guten ersten Song erst einmal ein wenig Ernüchterung ein, die meisten Lieder sind sehr getragen und undurchdringlich. Aber in der Mitte des Albums warten mit „Chorale“ und „The Passions“ zwei Songs, die von jeweils einem Instrument hervorragend getragen werden. Ersterer lebt von den Hörnern des tschechischen FILMharmonic Orchestras und das intime „The Passion“ wird vor allem durch den wunderbaren ARP 2600-Synthesizer zu einem atmosphärischen Hörgenuss.

Generell hat man das Gefühl, dass der Hintergrund dieses Albums persönlicher ist. Kein Fantasy-Konzept durchzieht „In Conflict“, schließlich ist es auch das erste, dass von vornherein unter dem Namen Owen Pallett geplant ist. „The only girl I ever fell in love with taught me how to drink as if it needed to be taught“, erzählt Pallett, der noch nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass seine Homosexualität seine Musik beeinflusst, im herrlich rhytmischen „The Sky Behind The Flag“. Auch gegen Ende des Albums zeigt sich im hektischen „Infernal Fantasy“ und dem sehr elektronischen „Soldiers Rock“ wie durchdacht dieser Klang ist. Wie variantenreich und greifbar die Synthies und Percussion-Elemente eingeflochten werden, ohne als reine Störgeräusche zu funktionieren.

Man kann Owen Pallett also neben dem einfallslosen Albumcover nicht mehr viel vorwerfen, außer das wie immer die großen Hits rar gesät sind. Und das ist auf einem Album, das im Grunde in Richtung Popmusik schielt, weiterhin relativ schade. Aber die Langzeitwirkung ist bei dieser elaborierten Songsammlung vermutlich umso größer. Endlich ist seine Musik greifbar und genießbar geworden. Er hat jetzt doch einen Stein im Brett, dieser unnahbare Kanadier.