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Nine Inch Nails – Ghosts I-IV
Nine Inch Nails – Ghosts I-IV

Nine Inch Nails – Ghosts I-IV

9.0

Genre:
Label: The Null Corporation

Erstellt am: 02.07.2008
Autor:
Erstellt am: 02.07.2008   Autor:

Rezensionen

Elektronisches Geistern für Analytiker-Ohren.

Trent Reznor (respektive Nine Inch Nails) hat neue Grenzen ausgelotet und mit Ghosts I-IV in nur 10 Wochen ein vokalfreies Oeuvre von erstaunlicher Vielfalt geschaffen. Mit Gewinn rezipiert die zwei CDs, wer sich zulänglich Zeit nimmt und nicht tanzen will. In 36 Tracks wird ein beeindruckendes Klanguniversum skizziert. Ghosts III, Nr. 20, beispielsweise beginnt für den mit Nine Inch Nails vertrauten Hörer durchaus nicht überraschend, allerdings ohne aggressiven Habitus: Etwa dreieinhalb Minuten breiten sich elektronische Soundfetzen bedrohlich aus. Zarte quasi-klassische Pianoklänge beenden jedoch den Spuk flugs und leiten über zu Ghosts III, Nr. 21, das auf Pseudo-Xylophon-Klängen basiert, arabische Reminiszenzen (wie in Ghosts II, Nr. 14) im Hintergrund.

Ghosts I-IV lehnt sich stilistisch an ‚The Fragile’ (1999) an, greift aber markant weiter. Reznor zeichnet seine akustischen Elektro-Sudelbücher – der Vergleich mit dem Aufklärer Lichtenberg scheint wahrlich nicht angestrengt – unter ungezählten Einflüssen. U. a. EBM (Ghosts III, Nr. 24), klassisches Piano (sehr fein: Ghosts II, Nr. 13), Ambient, Dub-Versätzen sowie World-Music aus allen Windrichtungen, wobei seine unverkennbare Industrial-Hand signiert. Das Resultat ist unseres Erachtens weniger ein Konzept-Werk als ein kreatives Gemenge von Fragmenten dunklen Kolorits, dessen Heterogenität sich einer integrativen Gesamtschau entzieht – eine Herausforderung par excellence, weil meditativ, ruhend, zerrissen, verschroben, verquast und vertrackt zugleich. Grossartig.

Seit 8. April 2008 im Handel.

Anspieltipps: Ghosts III, Nr. 20; Ghosts I, Nr. 8; Ghosts III, Nr. 23; Ghosts II, Nr. 18
Similar artists: Autechre, Aphex Twin (in der Tat hingegen einmalig)