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Neurosis – Honor Found in Decay
Neurosis – Honor Found in Decay

Neurosis – Honor Found in Decay

8.0

Genre: ,
Label: Neurot Recordings

Erstellt am: 03.01.2013
Autor:
Erstellt am: 03.01.2013   Autor:

Neuerscheinungen

Himmel und Hölle

Neurosis finden Ehre im Zerfall aber zeigen keinerlei Auflösungserscheinungen. Um sich nicht länger Innovationsmangel vorwerfen zu lassen, expandiert das Avantgarde-Kollektiv aus Oakland gleich in mehrere Richtungen, ohne allzu viel am wuchtigen Endzeit-Sound zu ändern.

Kaum eine Band wird so zwiespältig in der Öffentlichkeit wahrgenommen wie die Erfinder des Post Metals. Einerseits werden sie als eine der einflussreichsten Faktoren in der jüngeren Musikgeschichte anerkennt. Weiträumig, nicht nur in der Metalszene, von der sich die Kalifornier in ihren rar gesäten Interviews gerne distanzieren. Und doch scheinen die zehn Studioalben, von denen mit Sicherheit die Hälfte jede Musiksammlung bereichert, und auch die visuell beeindruckend aufgewerteten Konzerttouren brotlose Kunst zu sein. Ein Katalysator, Selbsttherapie. Gerade das ist wohl die Essenz für den mächtigen Schatten, den ein neues Neurosis-Album auf die ganze Branche wirft. Seit dem letzten ist ein halbes Jahrzehnt vergangen, in denen andere Sludge-Metal-Bands, allesamt nicht gerade unbeeinflusst von Neurosis, in ungeahnte Höhen vorgedrungen sind. „Honour Found in Decay“ zieht zum Teil seine Lehren daraus, „My Heart for Deliverance“ begibt sich ähnlich wie Baroness auf ihrem blauen Album in das Feld des luftigen Psych-Rocks. Für mehr als ein Interlude klingt das sogar unbeschwert, ein Wort, dass man bisher am allerwenigsten mit dieser Band assoziiert hätte. Sicher ist das nur eine Randerscheinung im ansonsten reichlich schmerzverzerrten Album-Kontext, aber ein leuchtender Kontrapunkt.

Generell scheint die von Steve Albini knochentrocken dargestellte Brutalität früherer Alben einer noch stimmungsvolleren, resignierten Melancholie gewichen zu sein, die fast schon nach Alterswerk klingen würde (man ist ja auch schon im 27. Bandjahr), wenn da nicht absolut stimmige und erdrückende Zehnminüter wie „At the Well wären“. Scott Kellys Solo-Ausflüge in Country und Doomfolk-Gefilde machen sich am Anfang dieser Odyssee genauso bemerkbar wie später in „Casting of the Ages“. Aber was dann kommt, hat alles, wofür man Neurosis in den letzten Jahrzehnten so geliebt hat: Dudelsäcke, Gitarrenfeuer aus allen Rohren, Ambient-Exkurse mit genuschelten Vocal-Samples. Wenn „At the Well“ zu Ende ist, muss man zwangsläufig innehalten. Man fühlt sich so plattgewalzt, als hätte man gerade ein ganzes Album durchgehört. Wenn die Rohheit etwas zurücksteckt, hat man andere Mittel und Wege zur Hand.  „Bleeding the Pigs“ orientiert sich am durch Tribal-Drums geprägten Spacerock der eigenen Label-Schützlinge US Christmas. Souverän vollführt „We All Rage in Gold“ die massgeschneiderte Verbindung von stampfendem Sludge und präzisen Post Metal-Kaskaden und erlaubt damit einen butterweichen Einstieg in ein Album, das zwar nicht als absolutes Karrierehighlight angesehen werden kann, aber allen Skeptikern vor Augen führt, dass ohne Neurosis etwas fehlen würde. Keine andere Band führt einen so stoisch an faszinierende Orte zwischen Himmel und Hölle, nie wird man sich von jemand anderem so schön bei voller Lautstärke in andere Sphären bringen lassen.

Seit  30. Oktober 2012 im Handel.

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Anspieltipps:

> We All Rage in Gold
> At the Well

Diskographie:
> Pain of Mind (1988)
> The Word as Law (1990)
> Souls at Zero (1992)
> Enemy of the Sun (1993)
> Through Silver in Blood (1996)
> Times of Grace (1999)
> A Sun That Never Sets (2001)
> The Eye of Every Storm (2004)
> Given to the Rising (2007)
> Honor Found in Decay (2012)

Ähnliche Künstler:
> The Ocean
> Baroness
> Kylesa
> ISIS
> US Christmas
> Red Sparrowes
> Cult Of Luna
> Mastodon
> Steve von Till

Interview mit Neurosis