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Nachtmystium – The World We Left Behind
Nachtmystium – The World We Left Behind

Nachtmystium – The World We Left Behind

6.5

Genre: , ,
Label: Century Media

Erstellt am: 17.09.2014
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Erstellt am: 17.09.2014   Autor:

Rezensionen

Schrecken ohne Ende?

Jedes der Nachtmystium-Alben seit Auftauchen der Band auf dem Radar der Musikwelt wollte uns etwas beweisen. Auf den „Black Meddle“-Alben ging es darum, wie abgefahren bewusstseinsverändernde Substanzen sind. „Silencing Machine“ war ein Loblied auf die Räudigkeit des Black Metal. Und „The World We Left Behind“ dreht sich um seine Interpreten selbst. Es ist das persönlichste und auch eitelste Kapitel der Bandgeschichte geworden.

Das Instrumental „Intrusion“ führt mit dem Charme alter Horror-Soundtracks krächzend und gruselig in das Album ein. Darauf folgen mit „Fireheart“ ein knorriger Hardrock-Track und das schwelgende „Voyager“, das dennoch ordentlich Punch hat. „The World We Leave Behind“ beginnt mit drei sehr starken und abwechslungsreichen Songs, welche die größten Stärken der Band ausspielen. Die Verbindung von großartigen Melodien mit bunter, progressiver Instrumentierung und Blake Judds krächzender Stimme als Prophet der Hoffnungslosigkeit.

Innovativ ist das freilich nicht mehr. Das gilt auch für die Ausflüge in straighteren, aber keinesfalls markerschütternden Black Metal wie „Into The Endless Abyss“. Sicher, das Songwriting ist nicht wesentlich schlechter geworden. Es fehlen nur häufig die schönen, kleinen Details, besonders in den letzten, weniger zugänglichen Songs.  Die ganz große Magie der Schwärze ist verflogen, sodass man sich nicht mehr im zermalmenden Strudel verlieren kann, wie noch bei früheren Alben. Dafür sorgt auch eine etwas knalligere, weniger detailreiche Produktion, die der Tiefe des Albums nicht gut tut.

Nichtsdestotrotz brechen auf „The World We Left immer wieder geniale Momente durch, vor allem mit Hilfe der psychedelischen Gitarren. So wie das Duell der sehnsuchtsvollen Sechsaiter gegen Judd in einem besonders finsteren Moment in „Absence Of Existence“. Und das poppige „On The Other Side“ wäre auch auf den besten Nachtmystium-Alben nicht negativ aufgefallen. Der leicht selbstbezogene Unterton ist stellenweise grenzwertig, aber manchmal auch cool, wie im sehr autobiographischen Track „Voyager“, in dem Judd von seinem Außenseiterdasein berichtet: „striving alone, year after year. This is my call / there is no fear!“ Problematisch wird es dann im nicht nur vom Songtitel her sehr gewollten Finale „Epitaph For a Dying Star“. Die Grenze zur Schmierigkeit übertreten Nachtmystium auf diesem Album einfach zu oft, um es als wirklich gut durchgehen zu lassen. Nichtsdestotrotz ist das Songwriting vor allem in der ersten Hälfte einfach zu zwingend, um die Platte schwach zu finden. Ein schwieriger Fall.

Die Geschichte dieses Albums ist beinahe so bizarr wie die des Mannes, der dahintersteht. Daher sei hier abschließend noch ein kurzer Überblick darüber gegeben.
Schon immer schwankten Nachtmystium zwischen den Extremen Genialität und Schwachmatentum. Aus Unachtsamkeit hatte die Band indirekte Verbindungen zu einigen rechten US-Labels, von denen sie sich später allerdings eindeutig distanzierte. Nichtsdestotrotz waren Nachtmystium beispielsweise 2009 dazu gezwungen, einen Festivalauftritt in Atlanta (GE) auf Druck von Sponsoren abzusagen.  Über die Jahre erspielte sich die Band allerdings einen ziemlich guten Ruf bei Kennern modernen Black Metals. Das „Addicts“-Doppelalbum gehört zu den abenteuerlichsten und gleichzeitig prägnantesten Alben der Genregeschichte.

Nachdem Bandchef Blake Judd wegen eines Diebstahls verhaftet wurde, und weiterhin mit den Folgen seiner Drogenabhängigkeit zu kämpfen hatte, wollte er Nachtmystium schon Ende 2013 endgültig auflösen. „It’s official: NACHTMYSTIUM is R.I.P. Today, I turn 31 years old and as a gift to myself, as sad as it makes me to do this, I’m letting go of something that I’ve put blood, sweat and tears into for the last 13 1/2 years.“ hieß es Anfang November auf seiner Facebook-Seite. Bevor dann aber wirklich Schluss mit grimmig sein sollte, stand noch die Fertigstellung des finalen Albums mit dem pathetischen Titel „The World We Left Behind“ an. Das hat noch einige Zeit gebraucht, obwohl der Track „Voyager“ noch vor Jahresende 2013 veröffentlicht wurde. Schließlich stand das Album für Anfang August auf dem Release-Kalender und wurde wie die vergangenen drei Alben auf Century Media veröffentlicht.

Quasi zur gleichen Zeit nahm Judd überraschenderweise die Trennungspläne wieder zurück. „Mein Kopf ist mittlerweile klar, ich habe genügend Abstand von der Sache bekommen und mein Leben endlich unter Kontrolle. Mein Entschluss lautet daher, „The World We Left Behind“ nicht als „letztes Album“ zu sehen, sondern als „Finale des ersten Kapitels“ von Nachtmystium“ sagte er kürzlich dem Rock Hard-Magazin. Nicht klar genug scheinbar, sodass er es sich zum Release des Albums erneut mit vielen Fans verscherzte, denen er bei ihm direkt bestellte Alben nicht auslieferte. Century Media trennte sich jetzt von Nachtmystium.

Anspieltipps:
>Intrusion
>Fireheart

Diskographie:
>Assassins: Black Meddle Pt. I (2008)
>Addicts: Black Meddle Pt. II (2010)
>Silencing Machine (2012)
>The World We Left Behind (2014)

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