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Mouse on the Keys – Sezession
Mouse on the Keys – Sezession

Mouse on the Keys – Sezession

7.0

Genre: , ,
Label: Denovali

Erstellt am: 23.04.2010
Autor:
Erstellt am: 23.04.2010   Autor:

Neuerscheinungen

Fingerschnippen

Postrock ist am serbeln. Um wirklich innovative Perlen zu finden, muss man tief tauchen. Die Japaner Mouse on the Keys spielen Jazz im Postrock-Gewand, eine Perle für Kenner.

Gewöhnlicherweise kennt man Postrock als düstere Gitarrenmusik, wobei die Emotion oder die erzeugte Stimmung im Zentrum steht. Diese ‚Stimmungsmusik‘ wird häufig mittels Zugabe von klassischen oder elektronischen Elementen verfeinert. Die Götter des Genres, Mono, sind Japaner, entsprechend gespannt war ich auf das Mini-Werk „Sezession“ der ebenfalls japanischen Musiker Akira Kawasaki (Drums, Piano) und Atsushi Kiyota (Synth, Piano). Diese mischen den Postrock mit Jazz, wobei eher das Umgekehrte der Fall ist.
Die Gitarre ist meines Erachtens im Postrock noch immer der Chef, daher die für sich sprechende Bezeichnung -rock, eine solche sucht man bei Mouse on The Keys jedoch vergebens. Eher trifft man auf pianolastigen, vielseitigen und trotzdem unnahbaren, unterkühlten Jazz. Dieser ist grundsätzlich gemütlich, kann aufgrund wirren Saxophongedudels (aha, das hat Jazz so an sich…) z.B. im Song „RaumKrankheit“ oder den unerwarteten Tempowechseln den an breite, klar definierte Soundflächen gewohnten Postrocker jedoch ab und zu erregen.

Was macht diesen Jazz nun zum Postrock? Einerseits das ungeheuerlich präzise und virtuos gespielte Schlagzeug, andererseits der Umgang mit Tempo, Intensität und Dichte sowie die diffuse Stimmung, welche im Zusammenspiel von Piano und Schlagzeug entsteht. Die ersten 20 Sekunden von „Saigo No Basan“ klingen wie  ’normaler‘ Postrock, sehr dezentes Piano, man erwartet das Einsetzen einer wuchtigen Gitarre. Aber nee, das Piano wird zum Wirbelsturm, das Schlagzeug peitscht voran, um kurz darauf den Rhythmus zu brechen und beinahe nach Lounge-Musik zu klingen. Der Song vereint in mageren 3.52 min. verschiedenste Tempi, Stimmungen und Atmosphären wobei musikalisch konstant auf allerhöchstem Niveau gearbeitet wird. Zeitgenössische Klassik trifft auf dezente Elektronik, modernen Jazz und irrwitziges Schlagzeugspiel. Dem Pressematerial ist zu entnehmen, dass die Sache live von abstrakten, dreidimensionalen Visuals von Michinori Saigo begleitet wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies ein eindrückliches visuelles wie auch auditives Erlebnis für kulturell wirklich Interessierte darstellt.

Der durchschnittliche, eher junge Postrock-Hörer, der gerne auch mal Krach konsumiert, wird mit Mouse On The Keys wenig anfangen können. Der reife, musikalisch gebildete und interessierte Herr, der vielleicht auch mal am Jazzfest Willisau oder anderen ausgewählten Anlässen anzutreffen ist, wird dezent tänzelnd, fingerschnippend und grinsend vor seiner Stereoanlage stehen. Ich als bekennender Postrocker werde die Platte meinem Vater,  einem eingefleischten Jazzer schenken.

Seit 15. Februar 2010 im Handel.

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label

Anspieltipps:
> Saigo No Basan

Diskographie:
> Sezession Ep (2007), 2010 in Europa
> An Anxious Object (2009), 2010 in Europa

Ähnliche Künstler:
> Esbjörn Svensson Trio
> The Mercury Program