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Mastodon – Once More ´Round The Sun
Mastodon – Once More ´Round The Sun

Mastodon – Once More ´Round The Sun

8.5
Erstellt am: 26.07.2014
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Erstellt am: 26.07.2014   Autor:

Rezensionen

Into the Wild

Gierige Raubtiere wollen dich verführen, mit süßen Melodien, perfekten Refrains um dann mit unbarmherziger Härte zuzuschlagen. Es fehlt zwar das große, allumfassende textliche Konzept, aber musikalisch nehmen uns Mastodon endlich wieder mit auf Reisen in eine fiese Vorzeit. In eine Landschaft aus Lava, steilen Klippen und trampelnden Vierfüßerherden.

Das Album beginnt mit spacigen Sounds und herrlich doomigen Riffs, die auch von den älteren Alben des Vierers stammen könnten. „Tread Lightly“ ist ein sehr sludgiger Song und distanziert das Album mit seinen knalligen Gitarren-Attacken sofort vom Vorgänger „The Hunter“. Aber erst nach drei Minuten öffnet sich das dunkle Tal und macht Platz für den Blick auf eine epische Gesangsmelodie. In den besten Momenten sind Mastodon präziser geworden, wir haben es hier mit dem refrainlastigsten Album des Quartetts aus Atlanta zu tun.

Noch nie waren Mastodon dabei so nahe an ihren Genrekollegen, an ASG in „The Motherload“,  an US Christmas in „Asleep in the Deep“, an langsame Neurosis in „Diamonds in the Witch House“. Das ist auch der einzige Song, in dem sich Gitarren und Drums zurücknehmen und Scott Kellys Gesang die ganze Bühne lassen. Der Neurosis-Frontmann ist hier schon zum fünften Mal auf einem Mastodon-Album zu hören, aber eigentlich veredelt er hier zum ersten Mal einen Song mit enormem Einfluss durch den doomigen Metal seiner Hauptband, der ohne Probleme auf deren letztem Album Platz gefunden hätte.

Und so haben wir es hier mit einer Wundertüte zu tun, auf der alle möglichen Ausprägungen der Band Mastodon und ihrer Vielzahl an Mitstreitern ihren Platz haben. Die Metal-Helden der 2000er schaffen einen Spagat, sie sind gleichzeitig noch poppiger und wieder härter geworden und finden gleichzeitig sogar ihren Platz im Feuilleton.

Doch es sind nicht nur die großen Refrains, sondern die immer wieder auftretenden Erinnerungen an vermeintlich vergangene Zeiten, die „Once More Round The Sun“ so großartig machen. Die psychedelischen Interlude-Parts im sonst sehr simpel gestrickten „The Motherload“ beispielsweise. Oder das besonders toll an glühend heißen „Blood Mountain“-Spacerock erinnernde Titelstück, das beweist, warum Brent Hinds immer noch die epischsten Gesangsparts liefern kann.

Was sich mit der melancholischen Vorab-Single „High Road“ angekündigt hat, zieht sich durch viele Songs. Auch  der zweite Blick ins Album, „Chimes at Midnight“, funktioniert nach einem ähnlich kontrasthaltigen Prinzip: schwere Strophen mit treibendem Schlagzeug – dafür ein länglicher, raumgreifender Chorus. Besonders gelungen sind aber die psychedelisch-melodischen Gitarren, die den Song einrahmen.

Der zweite Teil des Albums entschädigt die Freunde der komplexeren Rockmusik, mit Songs wie „Halloween“ dessen letzte 1 1/2 Minuten eine reine Gitarrenkrach-Orige sind und „Aunt Lisa“, dem einzigen Core-Stück der Platte. Es ist vor allem Mastodons abwechslungsreichste Platte geworden, die sludgige Boshaftigkeiten mit freundlichem Alternative-Rock zusammenbringt.

Das ist aber noch lange nicht altersmilde und strahlt in einigen Parts eine lang vergessene Bedrohlichkeit aus, zumal man mit „Diamonds in the Witch House“ mit dem ätzendsten Song der Platte entlassen wird. Über ein Konzeptalbum würde man sich aber dennoch mal wieder freuen.  So musikalisch perfekt Mastodon hier ihre Neuerfindung aus altbewährtem praktizieren, so sehr schreit ihr vielfältiger Heavy-Sound nach epischen Geschichten.