Exit Music
Magicrays – Off The Map
Magicrays – Off The Map

Magicrays – Off The Map

9.0

Genre: ,
Label: Gentlemen

Erstellt am: 22.03.2007
Autor:
Erstellt am: 22.03.2007   Autor:

Schweizerisches

Magisch

Die Magicrays aus Lausanne sind bekannt für ihre wunderschön traurige Musik. Ihr neues Werk ’Off The Map’ übertrifft die Vorgänger nochmals und garantiert kalte Schauer in jeder noch so doofen Lebenslage.

Eine Fahrt im Bus verspricht 15 Minuten mittelschlechtes Fahrvergnügen für scheue 3.80. Da sich die gebrochene Kniescheibe ziemlich rasch als Erzfeind des passionierten Radlers zu erkennen gab, bin ich wohl oder übel auf den öffentlichen Verkehr angewiesen, wenn’s darum geht, das unverdiente Wochenende vernünftig zu ertränken. Aufgrund des horrenden Preises, des lächerlichen Reisetempos und der angenehmen Gerüche der Mitreisenden bin ich meist enttäuscht (wenn nicht gar wütend) im Bus. Entsprechend verblüfft war ich, als ich mich plötzlich mit starrem Blick aus dem Fenster das Ende der Fahrt erwartend (soweit ganz normal), jedoch den Tränen nahe (und dazu brauchts einiges) mitten im Bus wieder fand. Schuld daran war die neue Platte der Magicrays. Seither fällt mir das Busfahren leichter, und die therapeutische Wirkung von Musik gilt in meinen Augen als verifiziert. Die  druckvolle Art, wie die Magicrays schrecklich traurige Melodien instrumentell untermauern, sucht weltweit ihresgleichen. Wären die Mannen nicht aus Lausanne, sondern aus England, wären Coldplay-artige Zustände schon längst Tatsache. In Anbetracht der Emotionen, der lieblichen Härte und des unschuldig-eindringlichen Gesangs wage ich gar zu behaupten, dass Coldplay ihre Siebensachen packen und sich tief in den Probekeller zurückziehen sollten. Raphaël Enard singt wie auf den älteren Alben ’Take Me Home’ und ’On The Shoreline’ mit unbeschreiblich viel Gefühl, Leidenschaft und Traurigkeit, dass seine Stimme einem gleichzeitig eiskalt schauern lassen, die Kehle zuschnüren und in tiefe Depressionen versetzen kann. Herrlich bzw. dämlich. Harte Männer in weiten Hosen würden den Gesang aufgrund ihrer Komplexe als männliche Daseinsformen wahrscheinlich als ’schwuchtlig’ oder gar ’bitchig’ bezeichnen, doch über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich streiten. Der perfekte Gesang passt wie angegossen zu den genauso herzzerreissenden Melodien. Und es kommt noch deftiger. Denn was Gitarre und Co. im Hintergrund zaubern, grenzt teilweise an Mono. Verspielte, beinahe niedliche Parts stehen im Wechselspiel mit ganz feinen, kaum wahrnehmbaren Begleitungen und wuchtigen Klangwänden. Die Instrumente lassen dem Gesang und den Melodien jeweils genügend Platz, um sich zu entfalten, und leben ihre ganze Grösse in teils mehreren Minuten dauernden Zwischenspielen aus. Die Radiotauglichkeit geht trotzdem selten verloren. Dieser wohl schwierigste aller Drahtseilakte, zwischen Radio und Eigenwille, wird mit einer sonst nur von Buschauffeueren bekannten Gelassenheit und Selbstverständlichkeit gemeistert, dass selbst Zirkusbesucher ins Staunen geraten. Dankesehr.

Seit 23. Februar 2007 im Handel.

Anspieltipps: Off, Hold Your Horses, Heart Burn
Trackliste: 1) The Green River; 2) Tirn Insight Into Action; 3) Marks; 4) Off; 5) The Map; 6) 9:21; 7) Hold Your Horses; 8) Dragon Shield; 9) Twilight Descend; 10) Heart Burn; 11) Rotten Flowers
similar artists: Coldplay, Midlake, Wilco, Last Days Of April, Thirteen Senses

Bio:
Die Magicrays aus Lausanne bzw. ihr harter Kern Raphael Enard (voc., git., pi.) und Wladimir Dudan (ba.) begannen bereits 1989 zusammen zu musizieren. Gregori Rais (git.) stiess 1991 zur Band, die damals noch Minds Of Contradiction hiess. Ab 1993 wurden unter dem neuen und bis heute gültigen Namen Magicrays verschiedene Konzerte gespielt und eine EP aufgenommen. Als 1999 Joel Chételat (dr.) beitrat, fand die Band langsam aber sicher den Weg zum Indiepop/-rock. Unterstützt von zwei Streicherinnen tourte die Band wiederum quer durch die Schweiz. Mit Christian Fighera (git., keys.) komplettierte sich die Band und zog sich irgendwo in die Alpen zurück um Ideen für das eigentliche Debut ‘Take Me Home’ zu sammeln. Die Zusammenarbeit mit Gentlemen Records begann mit diesem Album. Kurz darauf wagte man den Schritt nach Europa als Vorband von Favez (die zu jener Zeit eine Akustik-Tour machten). Raphael versuchte sich nach den ersten Europaerfahrungen als nicht minder erfolgreicher Solokünstler Namens Raphelson. ’On The Shoreline’ folgte 2004 und führte europaweit zu einigen Achtungserfolgen. Es wurde wiederum kräftig getourt, weiterhin fleissig an verschiedenen Nebenprojekten gefeilt und Ideen für ’Off The Map’ gesammelt. Das neue Album ist nun erhältlich und wird bestimmt noch höhere Wellen schlagen als die Vorgänger, die Band hätte es zumindest verdient.
Diskographie:
> Granted (2000)
> Take Me Home (2002)
> On The Shoreline (2004)
> Off The Map (2007)