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Madeleine Peyroux – Half The Perfect World
Madeleine Peyroux – Half The Perfect World

Madeleine Peyroux – Half The Perfect World

8.5

Genre: , , ,
Label: Emarcy Records

Erstellt am: 13.09.2006
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Erstellt am: 13.09.2006   Autor:

Neuerscheinungen

Und weiter himmelwärts

Der (Jazz-)Herbst ist nun schon etwas verfrüht da, Madeleine Peyroux versüsst ihn uns mit einem neuen Schmuckstück und lässt die Konkurrenz im Regen stehen.

Wenn “Half The Perfect World“ vom mit luftig-leichtem Groove bepackten Blues-Song “I’m All Right“ eröffnet wird, dann befürchtete zumindest der Rezensent erst, dass Madeleine Peyroux hier eine zwar schöne, aber recht einfallslose Kopie von ‚Careless Love‘ abliefern könnte. Ganz weit hergeholt ist das ja nicht, Platz hätte der Opener auf dem 2004er Werk genauso gehabt und trotzdem, die Spur Enttäuschung verflüchtigte sich beim wiederholten Anhören sofort, man lernt das clevere Spiel und den ganz eigenen Charme bald zu schätzen. Und je mehr man in den 50 Minuten Spielzeit dieses Albums fortgeschritten ist, desto mehr wird erkannt, dass auf “Half The Perfect World“ so oder so alles nochmals besser ist.

Aber erst einmal der Reihe nach: Wiederum mit der Unterstützung von Joni Mitchells ehemaligem Ehemann Larry Klein als Produzenten und grandiosen Jazzkünstlern (u.A. Till Brönner (Trompete) und Sam Yahel (Orgel, Klavier)) nahm Peyroux zwölf Stücke auf, vier davon im Team geschrieben, acht Stücke aus dem reichen Fundus an Standards, aber auch an zeitgenössischer Folk- und Bluesmusik. Absolut bemerkenswert fällt wiederum die clevere und ganz schön geschmacksvolle Songwahl aus.

Madeleine Peyroux macht sich diese unsterblichen Stücke völlig eigen, interpretiert sie so hervorragend und originell, dass sich der Hörer nicht des schönen Gefühls erwehren kann, als wären diese Songs eigentlich geschrieben worden, um sie dann von Madeleine Peyroux singen zu lassen.

So hat man Johnny Mercers “Summer Wind“ schon ein knappes Jahrhundert lang nicht mehr so wundervoll interpretiert gehört und die Schönheit ihrer Interpretation von Gainsbourgs unübertrefflichem “La javanaise“ ist gar nicht mehr fassbar, nicht nur das Streichquartett scheint direkt dem Reich der schönsten Träume entsprungen zu sein. Sanfte brasilianische Einflüsse verzuckern das Titelstück, das fidele “California Rain“ erweist sich als das beste der eigenen Stücke und Joni Mitchells “River“ wird im traumhaften Duett mit k.d. lang (auch so eine tolle Stimme!) zum Gänsehaut-Garant.

Und auch wenn Peyroux bei ihrem neuen Album im direkten Vergleich zum Vorgänger ‚Careless Love‘ auf die freudigere Grundstimmung hinweist … die ganze Wirkung entfaltet auch „Half The Perfect World“ wenn fallende Blätter in Gelb und Rot zu den sanften Takten in der Luft zu tanzen scheinen. Eine wärmende und beruhigende Platte, ein kleines feines Meisterwerk für die Herbsttage und wir dürfen uns mit einem glücklichen Lächeln und Tränen in den Augen zur abschließenden Interpretation von Charlie Chaplins wunderbarem „Smile“ fragen, was da denn noch alles kommt. Unbedingte Empfehlung für Hörer, die sich in traditionell amerikanischer Musik im Allgemeinen, im Besonderen aber im Blues oder dem Jazz zumindest etwas zu Hause fühlen.

Seit 1. September 2006 im Handel.

Anspieltipps: Blue Alert, La Javanaise, Smile
Trackliste: 1) I’m All Right; 2) The Summer Wind; 3) Blue Alert; 4) Everybody’s Talkin’; 5) River (Duet featuring k.d. lang)6) A Little Bit; 7) Once in a While; 8) (Looking for) The Heart of Saturday Night; 9) Half the Perfect World; 10) La Javanaise; 11) California Rain; 12) Smile
similar artists: Billie Holiday, Diana Krall, Sonya Kitchell

Bio:

Madeleine Peyroux sticht auch sonderlich bezüglich ihrer erlebnisreichen und höchst ungewöhnlichen (Musik-)Vergangenheit aus der Menge der heute aktiven Jazzvocalisten heraus. Geboren wurde Peyroux 1973 in Athens, Georgia, USA und wuchs in Paris, Brooklyn NY und Südkalifornien auf. In der französischen Hauptstadt verbrachte sie den Grossteil ihrer Jugend und in Paris, genauer im Quartier Latin beim Zuhören von Strassenmusikern, befand sie sich auch, als sie ihre Begeisterung für den Gesang entdeckte. Mit 15 Jahren begann sie selbst zu singen und ein Jahr später, 1989 schloss sie sich dem Musikerkollektiv „Riverboat Shufflers“ als Sängerin an. Ihre schulische Weiterbildung verschob Madeleine Peyroux auf weiteres und begann darauf mit der „Lost Wandering Blues and Jazz Band“ durch Europa zu touren. Vermutlich schon zuvor, aber spätestens hier, beim Interpretieren von Jazz und Bluesmusik aus den 30ern gab sie sich völlig eben jenen Stilen hin. Im Alter von 22 Jahren folgte dann der grosse Coup. Ihr mit namhaften Jazzprofis aufgenommenes Debütalbum „Dreamland“ erschien 1996 auf Atlantic Records, nachdem sie von einem der Manager jener Plattenfirma während eines Auftritts mit obenerwähnter Band entdeckt wurde. Ihre Stimme schien zugleich einzigartig wie auch vertraut zu sein. Letzteres weil sie in etwa so klang wie Billie Holiday und die begeisterte Presse bezeichnete Peyroux dann auch bald als „Lady Day von heute“ – irgendwie schon zu Recht. 200’000 Kopien konnten von ihrem Debüt verkauft werden – verhältnismässig eine beachtliche Menge. Durch diesen hohen Erfolg angespornt folgen nach diversen Konzertauftritten die Aufnahme zum zweiten Album. Zu einem Ende kamen jene unglücklicherweise aber nie und was nach dem Erfolg eines solchen Debüts gar nicht denkbar war wurde der Fall: Madeleine Peyroux hatte aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten des Labels und stimmlicher Probleme keinen Vertrag mehr und so blieb ihr nur übrig, sich eine Auszeit zu nehmen und mit ihrer Musik dahin zurückzukehren von wo sie ‚her kam: In die kleinen Clubs und auf die Strasse. 2003 wurde sie erneut während eines Konzertsauftritt (in Montreux) entdeckt, diesmal vom US-Label “ Rounder Records“. Mit Unterstützung des Produzenten Larry Klein machte sie sich erneut an die Aufnahmen zum zweiten Album und diesmal glückte alles wie geplant. Das Album „Careless Love“ begeisterte mit den tollen Interpretationen aus zeitgemässer und klassischer Folk-, Blues- und Jazzmusik und eigenen Stücken den Blues- und Jazz-Fan gleichermassen und so darf das 2006 erschienene „Half The Perferct World“ zu den meisterwarteten Mainstream-Jazz-Alben des Jahres gezählt werden.