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La Dispute – Wildlife
La Dispute – Wildlife

La Dispute – Wildlife

8.5

Genre: ,
Label: No Sleep Records

Erstellt am: 10.11.2011
Autor:
Erstellt am: 10.11.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Ein wahrer Disput

Das zweite Album von La Dispute kann man zusammen mit der Zeitschrift VISIONS ersteigern. Die wichtigste Musik des Jahres, die Zukunft des Hardcore oder einfach vergessen, auf dem Teppich zu bleiben? Vielleicht ja auch nur ein bisschen von allem.

In der Schweiz kann man „Wildlife“ bereits seit über einem Monat bestellen. In der Zwischenzeit wurde vieles geschrieben über das Album, vor allem aber vieles kommentiert. Die Band aus Grand Rapids/Michigan überzeugte das deutsche Musikmagazin VISIONS dermassen, dass es eine Titelgeschichte gab und das Album mit dem Heft dazu. Die Vorschusslorbeeren blieben dabei nicht gerade bescheiden und dadurch entstand bei manchen Lesern der Eindruck der Selbstbeweihräucherung. Nimmt sich VISIONS selber zu wichtig? Vorweg: „Wildlife“ ist ein hervorragendes Album und aus manch einer Perspektive ein Meisterwerk. Das ist nachvollziehbar. Das kann man so stehen lassen. Aber gleichzeitig stören sich viele am „Gesang“ von Jordan Dreyer, für manche waren At The Drive-In besser und vor allem schon vor Jahren da. Man konnte auch lesen, es sei zu Emo oder zu wenig Hardcore. Kurz: VISIONS hat eine Diskussion ausgelöst. Man kann von der Aktion halten, was man will, Pro- und Kontraargumente finden. Alles verständlich. Am Ende aber steigen alle auf den Coup des Magazins ein. Über „Wildlife“ wird gesprochen und geschrieben, es beschäftigt die Menschen und – was noch wichtiger ist – die Menschen beschäftigen sich mit La Dispute und Hardcore. So auch hier, durch einen Autor, der ziemlich weit davon entfernt ist, ein ausgewiesener Spezialist für Hardcore zu sein. Genau das scheint aber das Hauptargument für VISIONS, dieses Album nach vorne zu schreien: La Dispute öffnen das Genre. Dass man dann Leute im Netz findet, die den „Gesang“ von Dreyer schrecklich finden, weil er angeblich die Musik kaputt macht, ist selber zum Schreien und nichts anderes als die Geister, die man rief.

Bleibt man also auf dem Teppich, so freut man sich darüber, dass ein Magazin ein Album mit so viel Herzblut anpreist, wie Herzblut im Album steckt. Man kümmert sich nicht um Genregrenzen oder Genreregeln. Man hört einfach hin und macht sich sein eigenes Bild. Touché Amoré haben in diesem Jahr ein beinahe gleich gutes Album rausgehauen, nur dass sie viel schneller auf den Punkt kommen. In 20 Minuten ist gesagt, was weh tut – La Dispute brauchen beinahe dreimal so lang. Touché Amoré haben bereits Genregrenzen gesprengt, auch bei ihnen fragten sich einige, wie viel Indie diese Musik verträgt. Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Eigentlich egal, um ehrlich zu sein. „Wildlife“ geht unter die Haut und somit an den Ort, wo es hin muss. Diese Intensität bringt man mit schönem Gesang und Liebesliedern so nicht zustande, das geht nicht ohne Herausforderungen. Beispielhaft für das gesamte Werk ist „King Park“, das vom Tod eines Jungen erzählt, der von einem Bandenmitglied fälschlicherweise erschossen wurde. Am Ende stellt sich der 20-jährige Täter, verschanzt in einem Hotelzimmer, selber die Frage: „Can I still get into heaven if I kill myself?“. Nichts weniger als eine wahre Geschichte, die Dreyer da erzählt. Verdammt nochmal Leute, wer sich bei so etwas darüber aufregt, dass Dreyer immerzu schreit, der hat keinen Magen. So etwas säuselt man nicht und La Dispute verknoten diese tragischen Geschichten mit der Musik und dem Hörer so fest zusammen, dass man nach einer knappen Stunde erst einmal eine längere Pause braucht, um das Ganze wieder zu lösen. Niemand kann in die Zukunft schauen, niemand weiss was mit The Wave passiert. Dieser von den Bands selber genannten Bewegung, die dazu führt, dass Hardcore 2011 auch Genregrenzgänger erreicht. Aber alleine dieser Umstand muss musikinteressierten Menschen doch Signal genug sein, dass hier ziemlich viel richtig gemacht wird.

Seit  4. Oktober 2011 im Handel.

Anspieltipps:
> The Most Beautiful Bitter Fruit
> King Park
> Safer in the Forest/Love Song for Poor Michigan

Diskographie:
> Somewhere at the Bottom of the River Between Vega and Altair (2008)
> Wildlife (2011)

Ähnliche Künstler:
> At The Drive-In
> Touché Amoré