Exit Music
Kreidler – Tank
Kreidler – Tank

Kreidler – Tank

9.0

Genre: , , ,
Label: Bureau B

Erstellt am: 16.03.2011
Autor:
Erstellt am: 16.03.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Utopie und Industrie / Kraftwerk 2.0

Träume von Blumfeld und Berghain, alldieweil sich die Garnisonsstadt Düsseldorf in traumloses Schweigen hüllte. In der Schnittmenge zwischen analoger und digitaler Technik gibt es noch viel Neuland zu entdecken. Kreidler beweist dies auf ihrem mittlerweile zehnten Album namens „Tank“ auf äusserst beeindruckende Weise.

Das Konzept „Mensch-Maschine“ ist ein Exportschlager aus Deutschland. Besonders auf dem Feld der Musik, seit Kraftwerk in den frühen 1970er-Jahren eine Lawine losgetreten hat. Bis heute ist die Produktion industrieller und artifizieller Rhythmen und Klanglandschaften eine der Kernkompetenzen deutscher Musiker und Produzenten. Doch dass Musik aus dieser Sparte auch anspruchsvoll sein und als Kunstform verstanden werden kann, scheint paradoxerweise besonders in der deutschsprachigen Welt bis heute noch nicht bis in die letzten Ränge vorgedrungen zu sein. Es brauchte stets einen David Bowie bei „Wetten, dass…“, anerkennende Worte von Brian Eno oder Noel Gallagher, der über Neu! ins Schwärmen geriet. Das neue Album von Kreidler wird an diesem Fakt nichts ändern, doch ist es ein perfektes Beispiel dafür, wie anspruchsvoll und spannend die Musik des deutschen Untergrundes sein kann.

Bei Kreidler fliessen die Ströme der beiden bedeutendsten Genres in der Musikgeschichte Deutschlands (seit was eigentlich? Stockhausen?) zusammen: Krautrock und Minimal. Es kann daher kaum ein Zufall sein, dass die Band zu gleichen Teilen Düsseldorf, die Krautrock-Metropole Deutschlands, und Berlin, Heimat der nächtlichen Exzesse in Tresor und Berghain, ihr Zuhause nennt.

Diesmal scheint es Kreidler auf den Tanzfloor abgesehen zu haben und sie stellen die psychedelischen Effektschleifen gänzlich in den Dienst des treibenden Beats. Sprich: weniger Tangerine Dream und mehr Beat als auf andern Veröffentlichungen. „Tank“ ist bis in die kleinsten Details durchgestaltet, und der Fokus liegt auf der sorgfältigen Klangentfaltung und der Gestaltung des Sounds, der bisweilen von andern Welten zu stammen scheint. In jedem einzelnen der sechs Tracks gelingt es der Band, einen grossen Spannungsbogen aufzubauen, so dass trotz der ständigen Repetition in keinem Moment Langeweile aufkommt. Dies ist besonders beeindruckend, weil die Stücke live eingespielt wurden, die meisten sogar in einem einzigen Take!

Trotz der Anleihen der bei der digitalen Musikproduktion merkt man sofort, dass es sich bei Kreidler um eine richtige Band im klassischen Sinne handelt. In vielen Momenten kann man klar erkennen, wer für welche Klangeskapaden verantwortlich ist. Das Gesamtbild ist daher äusserst organisch und fühlt sich an wie aus einem Guss. Immer wieder ist man an die Vorbilder der Band erinnert, aber Kreidler spielt in den eigenen Kategorien. Nicht nur die Musik, sondern auch der Aufbau des Albums insgesamt verweist auf die 70er-Jahre. Es ist konzeptuell auf zwei Seiten à drei Songs verteilt, wie einige der klassischen Veröffentlichungen von Neu!, Patrick Cowley, Cluster und Amon Düül II.

Kreidler ist mit „Tank“ ein Album gelungen, das in allen Stimmungslagen bestens funktioniert: Es ist perfekt beim Aufstehen, als Hintergrundskulisse beim Arbeiten, als Begleitung für einen nächtlichen Spaziergang, zum euphorischen Tanzen im Club, für die Überbrückung der Zeit beim Warten am Bahnhof nach einer durchzechten Nacht. Bis heute ist Kreidler ein Geheimtipp geblieben und konnte bisher nicht von der medialen Aufmerksamkeit, die Kalkbrenner, der Bar 25 und dem Berghain entgegengebracht wird, profitieren. Verdient hätte es sich die Band spätestens mit diesem Album auf alle Fälle. Für mich mit Abstand das beste Album des noch kurzen Jahres 2011.

Seit  4. März 2011 im Handel.

Anspieltipps:
> New Earth
> Kremlin Rules

Diskographie:
> Riva (1994)
> Sport (EP, 1995)
> Kookai (Split-EP mit Superbilk, 1996)
> Weekend (1996)
> Re-Sport (1997)
> Fechterin (EP, 1997)
> Au-Pair (EP, 1998)
> Coldness – Remixed (EP, 1998)
> Appearance and the Park (1998)
> Mort aux Vaches (1999)
> Kreidler (2000)
> Circles (EP, 2000)
> The Chicks on Speed Kreidler Sessions (2001)
> Eve Future (2002)
> Eve Future Recall (2004)
> Mosaik 2014 (2009)
> Impressions d’Afrique (EP, 2010)
> Tank (2011)

Ähnliche Künstler:
> Ricardo Villalobos
> Neu!
> Kraftwerk
> Patrick Cowley
> Tortoise
> Console
> Air
> Tangerine Dream
> Richie Hawtin