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Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly
Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly

Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly

9.5

Genre:
Label: Top Dawg Entertainment

Erstellt am: 21.03.2015
Autor:
Erstellt am: 21.03.2015   Autor:

Rezensionen

Selbstsicher und von Zweifeln geplagt

Kendrick Lamar vollbringt das Unmögliche – er übertrifft sich selbst.

Mit dem nahezu perfekten “good kid, m.A.A.d city“ hat sich Kendrick Lamar selbst in den Rap-Olymp gehievt – die packend erzählten Geschichten über das Leben im Ghetto haben auch drei Jahre später nichts an Kraft und Wirkung eingebüsst, die grossartig produzierten Beats waren mainstream-tauglich und doch inspiriert und dürften dem Zahn der Zeit lange trotzen. “GKMC“ war ein Erfolg, der eigentlich in keiner Hinsicht übertroffen werden kann. Seit dieser Woche scheint es aber ein kleines bisschen so, dass jenes Album Kendrick Lamar vor allem den Weg geebnet und Mut gegeben hat, um “To Pimp A Butterfly“ zu veröffentlichen.

Kendrick Lamar hat viel auf dem Herzen und viel zu sagen. Wie er sich auf “To Pimp A Butterfly“ gibt, erinnert an die immer weniger gewordenen militanten Rapper, die jeglichen Komfort hinter sich liessen, um sich auf radikale und riskante Missionen zu begeben, in deren Verlauf so mancher Fan auf der Strecke liegen bleiben konnte.

Ganz wie bei D’Angelos letztjährigem Meisterwerk “Black Messiah“ besteht auch bei “To Pimp A Butterfly“ ein direkter Zusammenhang zu aktuellen Geschehnissen und gesellschaftlichen Problematiken in Amerika. Systemgegebene Missstände und Rassismus lassen Kendrick Lamar keine Ruhe, doch er weiss, dass so mancher Missstand im schwarzen Amerika hausgemacht ist und dementsprechend unterlässt er es nicht, die Scheinheiligkeit des schwarzen Amerikas ins Visier zu nehmen. Im treibenden “King Kunta“ rappt er etwa „I was gonna kill a couple rappers but they did it to themselves / Everybody’s suicidal they don’t even need my help.“ , nimmt dabei Bezug auf seinen legendären Part in Big Seans “Control“ und schiesst so nicht nur auf die grossen Macher, sondern auch auf eine Vielzahl schwarzer Stars: Der im Albumtitel referenzierte Schmetterling verkauft für ein bisschen mehr Erfolg seine Seele dem Teufel und verliert seine ganze Schönheit.

Mit “To Pimp A Butterfly“ wagt Kendrick Lamar auch musikalisch einen grossen Schritt nach vorne: Was im Opener noch mit reinem und zugänglichen P-Funk beginnt (George Clinton von Parliament ist Gast!), wird durch den Einsatz vielfältiger Jazz-Elemente interessanter und fordernder. Mit Thundercat und Robert Glasper prägen gleich zwei geniale Musiker den Grossteil der sechzehn Tracks, die Vocal-Features von Sängern wie Bilal tragen effektvoll zum dichten, stimmigen Klangbild hinzu und Produzenten wie Terrace Martin, Sounwave oder Flying Lotus leisten alle vorzügliche Arbeit. Wer nur ansatzweise mit dem Sound von Flying Lotus oder J Dilla vertraut ist, dürfte mit smoothen Stücken wie “These Walls“ keinerlei Mühe haben, “u“ oder das ultimative Album-Highlight “The Blacker The Berry“ erweisen sich aber als sperrige Monster, die mit unerwarteten Wendungen so manchen Hörer kalt erwischen werden. Lob gebührt wiederum Dr. Dre, der als Executive Producer die vielen verschiedenen Fäden zusammen hält und zu einem stimmigen Ganzen spinnt.

Potentielle Club-Hits wie “Bitch Don’t Kill My Vibe“ oder “Swimming Pools“ sind keine mehr zu finden – am ehesten noch im Stil des Vorgängers sind das von Pharell Williams produzierte “Alright“ oder Sounwaves “Hood Politics“. Und die viel diskutierte Vorabsingle “i“ wirkt in einer neuen Version im Albumkontext nun überhaupt nicht mehr wie das vermeintliche Leichtgewicht, das so manchem Anhänger Sorgenfalten auf die Stirn getrieben hat – die Ego-Selbstzelebration in “i“ kriegt in Anbetracht des düsteren Gegenstücks “u“ eine bittere Note.

Eine Stärke des Albums dürfte sich für manchen Hörer auch als Stolperstein erweisen: Kendrick Lamars vielfältiger, geradezu schizophrener Rap-Stil. Auch auf diesem Album verkörpert er verschiedene Charaktere, verschiedene Seiten seiner selbst und deckt dabei ein breites Spektrum an Vokal-Performances ab. Das hat etwas extrem Kraftvolles, ganz geht die Rechnung aber doch nicht auf: Wenn er mit hoher Stimme stellenweise an Madlibs Quasimoto erinnert, hat das in diesem ernsten Albumkontext etwas Lächerliches.

Rein konzeptuell ist “To Pimp A Butterfly“ nicht ganz so bestechend wie sein Vorgänger: zu verworren und sperrig sind Text und Musik, aber thematisch ist der Rahmen gegeben und, wie sich im Verlauf des Albums erweist, formell ebenso: Nach einigen Songs liest Kendrick Zeilen eines Gedichts, jedes Mal immer einige Zeilen mehr, die der Einleitung des nächsten Songs dienen. Nach dem letzten Song liest er das Gedicht in ganzer Länge seinem Vorbild Tupac Shakur vor, mit dessen Geist er sich daraufhin ‚unterhält‘ und die in den vorangegangen siebzig Minuten thematisierten Inhalte nochmals rekapituliert.

So gut “good kid, m.A.A.d city“ auch war, „To Pimp a Butterfly“ ist vielleicht sogar besser, auf jeden Fall ist es wichtiger: es hat nicht nur das Zeug zum Klassiker, sondern könnte auch als Rap-Meilenstein in die Musikgeschichte eingehen.

Seit 17. März 2015 im Handel erhältlich.