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Kate Bush – Aerial (2005)
Kate Bush – Aerial (2005)

Kate Bush – Aerial (2005)

9.5

Genre: ,
Label: EMI Records

Erstellt am: 20.01.2006
Autor:
Erstellt am: 20.01.2006   Autor:

Neuerscheinungen

Über Honig staunen

Zwölf Jahre lang hörte man kaum einen Ton von ihr und dann dies: Kate Bush und ihr glorioses Comeback!
Hiermit einmal mehr die Bestätigung, dass es sich tatsächlich um die schönste Stimme der Musikgeschichte handelt, zusätzlich haben wir es hier mit einem kreativen Phantasiekopf zu tun, der niemals verkopft wirkt, aber mit originellen Ideen und Impulsen nur so um sich schlägt. Und gleich weiter: „Aerial“, das ist das Werk, das kommen musste, – von Kate Bush und – für die Menschheit. So was wie eine Erlösung und endlich Glück und Zuversicht. Selten sind Songs so ehrlich und unendlich reizend wie beispielsweise „Bertie“: „Here comes the sunshine, here comes that son of mine, here comes the everything, here’s a song and a song for him“, singt die schöne Kate für ihren Sohn. Was ich hier höre, das ist – textlich wie musikalisch – Leben, das glüht, da ist etwas im Gang, mit vielen Emotionen und Vielfalt. In „King Of The Mountain“, dem besten (konstruierten) Popsong seit langem, ist das ebenfalls deutlich zu erkennen, wenn die Gitarre Gänsehaut machend einsetzt, das Tempo anzieht und zum Ende der Chor einen Sekunden-Traum fabriziert. Dem Ideenreichtum keine Grenzen gesetzt, singt Kate in „?“ doch tatsächlich u.a. die Zahl Pi, wirkt aber weder ironisch noch übertrieben. Wie macht sie das nur? Und dann eben genanntes „Bertie“. Ich muss es gleich so formulieren: Mir kommen die Tränen, die mir sonst so oft fehlen. Und nochmals Klartext: Die sieben Songs von „A Sea Of Honey“ sind nicht zu übertreffen! Wer resignierend bereits gemeint hat, es gäbe keine neuen Melodien mehr, wird in „Mrs. Bartolozzi“, noch so einer entzückenden, aus dem Leben gegriffenen Geschichte, vom Gegenteil überzeugt. Natürlich soll auch hier angefügt sein, dass Kate Bush „Washing Machine“ mit mehr Gefühl sagt, als die meisten „I love you“ schluchzen.
„I think I see you standing outside, but it’s just your shirt, hanging on the washing line, waving it’s arm as the wind blows by“. Noch so eine Textzeile zum dahinschmelzen, bevor sich der Song dann endgültig in ein fabulöses Windspiel verwandelt.
Vögel, Honig, Wind und Wäsche – was für eine Kombination. Während der Albumtitel sich auf das Luftige und Weite bezieht, bildet das Albumcover ein phänomenales Konstrukt ab: Die Soundwelle einer Amsel wird im Honighimmel und Honigmeer verschmolzen.
Langsam wird deutlich: Es bleibt genau soviel unklar, dass „Aerial“ mysteriös und majestätisch, nie aber distanziert wirkt. Es ist eher wie ein Land, (natürlich das Paradies), wo die Seen mit Honig gefüllt sind, wo Vögel den ganzen Tag prächtig zwitschern, wo es noch Freude gibt, wo heute alles andere drübergewachsen ist. In „Aerial“ kann man leben und das ist das Beste, was Musik erreichen kann. Hier ist es gemütlich, aufregend und traumhaft schön, hier gibt es Bücher, die einen wissen lassen, wie man unsichtbar wird, und hier gibt es so etwas wie Zeit oder Raum nicht. Bei allem was Kate Bush uns schenken kann, Ihr Comeback-Album bleibt Pop – und zugänglich. Beweise heissen „Joanni“, eine schöne Ballade über eine schöne Frau und „A Coral Room“, wo wir erneut sprachlos staunen.

„Mit einer Kindheit voll Liebe aber kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten.“ Johann Paul Friedrich Richter, (1763-1825)

Während „A Sea Of Honey“ das Leben in seinen schönsten Zügen aufzeigt, wird „A Sky Of Honey“ zum Konzeptalbum. Ein Nachmittag im Park, und die Definition von Glück: „We’re gonna be laughing about this, we’re gonna be dancing around, it’s gonna be so good now“, und man stellt sich die glückliche Familie unter stolzen Bäumen im Blättertanz vor. Hier gehört das Pfeifen der Vögel zum präsenten Klang der Natur, und nicht zum scheuen, versteckten Konzert. „The light is changing“ kündigt das „nur“ sehr schöne „An Architect’s Dream“ an. (überhaupt ist das zweite Album nicht ganz so magisch wie „A Sea Of Honey“) Das Licht wird sich in der Tat ändern, vom hellen, klaren Nachmittag im Frühling oder Frühherbst fliegen wir in einen regnerischen Tag und dann begutachten wir den Sonnenuntergang, wo „Aerial“ wieder beginnt zu glänzen. In „Aerial Tal“ gibt’s dann ein Vogel-Mensch Duett, wie es nur Kate Bush erfinden und vollführen kann. Herrlich! Und mit „Somewhere In Between“, „Nocturn“ und „Aerial“ folgen drei Epen der Sonderklasse. Alles Songs über fünf Minuten, wie Wellen und Wirbel, wie der Refrain von Erstgenanntem beispielsweise. „Irgendwo dazwischen“ liegt auch diese unglaubliche Welt von Kate Bush, wo scheinbar alles möglich scheint. Auch ein Album über einen Tag eines kleinen Jungen: Die Kinderaugen von Bertie interessieren sich nicht für „the tocking clock“, lieber lauscht er mit Mum Kate der Stille oder inspiriert sie mit seiner ganz eigenen Ansicht von den Dingen. Seine süssen Träume werden in „Nocturn“ umschlungen und an einen einsamen Strand entführt, wo spätestens nach sieben Minuten und danach noch im überragenden Titeltrack klar wird:

In ihren stärksten Momenten macht Kate Bush Universalmusik. Dann ist „Aerial“ etwas vom Besten, was ich je gehört habe.

Seit 4. November 2005 im Handel.

Anspieltipps: alles
Trackliste: CD 1 „A Sea Of Honey“: 1) King Of The Mountain; 2) ?; 3) Bertie; 4) Mrs. Bartolozzi; 5) How To Be Invisible; 6) Joanni; 7) A Coral Room; CD 2 :“A Sky Of Honey“ 1) Prelude; 2) Prologue; 3) An Architect’s Dream; 4) The Painter’s Link; 5) Sunset; 6) Aerial Tal; 7) Somewhere In Between; 8) Nocturn; 9) Aerial
similar artists: Es gibt nichts Vergleichbares!

Bio:
Am 30. Juli 1958 kommt die Frau zur Welt, die später einmal als „die ungewöhnlichste Solo-Künstlerin, die England jemals hervorgebracht hat“ (NME) bezeichnet wird. Kate Bush hat im Laufe ihrer Karriere viele Frauen beeinflusst und ermutigt, mit Musik zu experimentieren. Mit ihrer unverwechselbaren Stimme singt sie sich seit 1978 in die Herzen der Musikliebhaber. Schon bevor auch nur ein Ton ihrer Stimme den Weg in die Plattenläden der Welt fand, sorgte sie für ein Novum in der Musikgeschichte: So lässt sich die damals Siebzehnjährige vertraglich versichern, dass sie auf Kosten des Labels (EMI) drei Jahre lang Sprechunterricht erhält sowie Tanz, Mimik und Komponieren lernt!
Auf ihren Alben reizt sie sämtliche ihr zur Verfügung stehenden technischen Spielereien aus. Als Kate Bush dann 1978 ihr erstes Album („The Kick Inside“) veröffentlicht, scheint dies das Vertrauen des Labels zu rechtfertigen. Dieses von Exzentrik geprägte Album ist richtungsweisend für den weiteren Verlauf von Kates Karriere. Manches Verhalten, das sie aus der Masse der Musiker heraus hebt, ist eine konsequente Fortsetzung dieser Attitude. So hat sie bis heute nur eine einzige Tournee absolviert, sie beschränkt sich lieber auf seltene Auftritte, meist als Gast anderer Musiker. Sie lässt sich von der eigenen Familie managen und verspürt keinerlei Zeitdruck bei der Fertigstellung von neuen Alben.
Im Oktober 2001 erhält sie vom Q Magazine den Preis als „Best Classic Songwriter“, was ungefähr zeigt, welchen Stellenwert Bush mit ihrer Arbeit mittlerweile inne hat. Bei der Verleihung des Preises teilt sie dem entzückten Publikum mit, dass sie tatsächlich an einem neuen Album arbeite. Eigentlich hätte es schon 2001 erscheinen sollen, aber sie spiele eben lieber mit ihrem Sohn, als sich im Studio herum zu treiben. So dauerte es also noch bis zum Herbst 2005, ehe aus der vagen eine konkrete Ankündigung wird: am 4. November erschien mit „Aerial“ Kate Bushs erstes Studioalbum nach zwölf (!) Jahren.
Diskographie:
> Lionheart (1978)
> The Kick Inside (1978)
> Never Forever (1980)
> The Dreaming (1982)
> Hounds Of Love (1985)
> The Whole Story (Best Of) (1986)
> Sensual World (1989)
> The Red Shoes (1993)
> Aerial (2005)