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Kapnorth – Thunder Lightning Storm
Kapnorth – Thunder Lightning Storm

Kapnorth – Thunder Lightning Storm

7.0

Genre: , ,
Label: Goldon

Erstellt am: 28.02.2013
Autor:
Erstellt am: 28.02.2013   Autor:

Neuerscheinungen

Zentralschweizer Weitsicht

Im Kontext der isländischen Postrock-Maschinerie Sigur Rós haben Kapnorth ihr verheißungsvolles Debutalbum Thunder Lightning Storm veröffentlicht. Damit erheben die Luzerner als eine der wenigen Schweizer Bands einen berechtigten Anspruch auf Internationalität.

Die Verlockung, eine Rezension über das Langspieldebut „Thunder Lightning Storm“ der vier Luzerner von Kapnorth mit einer Geschichte über die Eigenheiten von Europas Norden zu eröffnen, ist gross. Zu gross um es nicht zu tun. Schliesslich geben Kapnorth einem musikalisch wie anderweitig kodiert gleich mehrmals Anlass genau dies zu tun und ein paar Metaphern jenseits des Polarkreises herbei zu sinnieren. Einerseits lässt der Bandname einige Schlüsse zu. „Kap“ – ein Schlusspunkt, das Ende des Festlands – verbleibende Perspektiven sind einzig auf endlose Meerweiten und das, was dahinter liegen mag, gerichtet. So ist Island, die karge Vulkaninsel, wo „Thunder Lightning Storm“ aufgenommen wurde, eigentlich ein einziges Kap. Auf die Verbindung zwischen „North“ und Norden hinzuweisen, kann guten Gewissens verzichtet werden. Andererseits lässt auch die Geschichte, welche hinter den zwölf Songs der Platte steht, den Blick neuerlich nach Norden richten.

Aufgenommen wurden die bereits komponierten Songs, wie zuvor erwähnt, in Island. Im Sommer 2012 reisten die Luzerner für vier Wochen auf die Insel, um das Album unter der Fittiche von Birgir Jon Birgisson – dem Tontechniker hinter Sigur Rós – in den Sundlaugin Studios – den Studios von Sigur Rós – in den Kasten zu bringen. In jenem Kontext, in dem Sigur Rós das Gefühl nordischer Weitsicht und Einöde in einzigartig sphärische Klänge verwandelten, hat das ambitionierte Debut der Zentralschweizer seine Endform angenommen. Und so ist Island dem Album denn auch anzuhören. „Thunder Lightning Storm“ kombiniert die musikalische Kargheit, welche nichts als die Landschaft Islands besser repräsentieren könnte, mit dem Drang, ebenjene Weite klanglich zu erfüllen. So kontrastieren sich rudimentäre Strukturen mit raumfüllenden Soundscapes – und zuweilen gigantischen Klangwänden. Auf „Thunder Lightning Storm“ kollidiert die Melancholie des Nordens mit der Dringlichkeit der Mitternachtssonne. Kapnorth – das sind Elia Lobina, David Buntschu, Marius Disler und Jonas Beetschen – haben das geschafft, woran andere Schweizer Bands mit einem gewissen Anspruch auf Internationalität reihenweise gescheitert sind. Sie haben ein Album veröffentlicht, das außerhalb der engen Landesgrenzen funktioniert und trotzdem weder Integrität, Authentizität noch Qualität vermissen lässt. Kapnorth erinnern an den Postrock von Radiohead, Muse, The Cure und Sigur Rós. Elia Lobinas Stimme pendelt zwischen der Ernsthaftigkeit eines Tom Smith und der Exaltiertheit von Robert Smith.

„Silver Silence“ transportiert mit einer „wall of guitars“ im Refrain einen Eindruck von mächtiger, geradezu unbegrenzter Klangentfaltung, welcher „Leviathan“ mit seiner enormen Sounddichte direkt aufgreift. In „Leviathan“ zitieren die Luzerner den gleichnamigen biblischen Dämon der Unterwelt herbei, um weltliche Sünden zu büßen. Bestens ergänzt wird dieser Hang zur Mystik durch das Album-Artwork von Rafael Koller, welches in seiner versponnen Liebenswürdigkeit und Wärme an die Zeichnungen von David T. Wenzel erinnert. Kapnorth scheint es um das Ausfüllen, um die musikalische Kompensation von Weite und Leere zu gehen. So erweitert „Sophie Rose“, ein Track, der bereits auf der EP „Balistar“ von 2012 zu hören ist, mit seiner „Wasteland“-Ästhetik und gezieltem Mundharmonikaeinsatz à la Ennio Morricone, das Album um eine spannende Western vs. Northern-Komponente. Thunder Lightning Storm ist ein höchst ambitioniertes Debutalbum. Doch die Rechnung der Luzerner ging auf. Die Platte ist bei weitem besser als die neusten Produktionen von Muse und klopft erwartungsvoll an die Türe, welche Radiohead und Sigur Ros vor Jahren aufgestoßen haben. Noch sind Kapnorth nicht Sigur Rós oder Radiohead. Nach „Thunder Lightning Storm“ sind Kapnorth eine Band, welche zu recht ein internationales Echo erwarten darf, und weiter vor allem eine Band, auf welche die Schweizer Poplandschaft uneingeschränkt stolz sein darf.

Seit  25. Januar 2013 im Handel.

> Hören und Kaufen
> Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:
> Metropolis
> Sophie Rose
> Delirious

Diskographie:
> Balistar EP (2012)
> Thunder Lightning Storm (2013)

Ähnliche Künstler: 

> Radiohead
> Muse
> Sigur Ros