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Kamasi Washington – The Epic
Kamasi Washington – The Epic

Kamasi Washington – The Epic

8.5

Genre: ,
Label: Brainfeeder

Erstellt am: 06.07.2015
Autor:
Erstellt am: 06.07.2015   Autor:

Rezensionen

Es gefällt vielen nicht, aber Kamasi Washington ist kurzfristig der wohl wichtigste Botschafter des Jazz. Das Überraschende daran: Seine Musik ist genau so konservativ wie revolutionär.

Seine Saxophon-Künste schleuste er kürzlich mal mehr mal weniger heimlich mit Flying Lotus‘ „You’re Dead!“ und Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“ in die Anlagen der Hip Hop und Electronic-Hörer. Doch nun ist es Zeit für Kamasis großen Auftritt. Und was wir hier vor uns haben, ist die Definition eines großen Auftritts: „The Epic“ ist ein Dreifachalbum und es kostet die Länge dieses Formates mit knapp drei Stunden Laufzeit großzügig aus. Die absurde Stärke dabei: Es ist trotzdem das zugänglichste Jazz-Album der letzten Jahre, ohne zu sehr in Easy Listening abzudriften.

Wie federleicht sich die elektrischen, akustischen und vokalen Stärken auf diesem Album vermischen, ist einfach verblüffend. Den ersten Titel, „Change Of The Guard“, hätte man nicht besser betiteln können. Alles, was „The Epic“ auszeichnet, ist schon in den ersten Sekunden enthalten. Es ist nicht nur ein opulenter, aber keineswegs überbordender Chor und natürlich Kamasis wandelbares und dynamisches Tenor-Saxofon. Es ist der großartige Clash der hervorragenden Instrumentalisten: Cameron Graves‘ pointiertes und vielfach sowohl Melodie als auch Rhythmus tragendes Piano. Die sich großartig ergänzenden Bassisten, darunter auch der von Flying Lotus und durch sein Solowerk hinlänglich bekannte Rhythmusmeister Thundercat. Generell: Die Rhythmussektion, insbesondere die Drummer, überforden sehr selten und konzentrieren sich auf ein sehr songdienliches Spiel mit einzelnen, fantastischen Akzenten und Solos.

Dabei gibt es aber immer wieder Momente, in denen Washington selbst der unangefochtene Hauptdarsteller ist: „Askim“ baut seinen mehr als zwölfminütigen Spannungsbogen um die unglaubliche Kraft des Saxophons. Von sanften, unglaublich melodischen Momenten bis zu einem unfassbar gewaltigen Finale ordnet sich alles wie durch göttliche Hand bestimmt. Es baut sich gewaltige Überhitzung auf, bis die ganze Band das Szenario im Stakkato wie eine riesige Gewitterfront überrollt. „Re Run Home“ ist auch so ein Stück und es enthält die unwirklich schönste aller Melodielinen auf dem ganzen Album.

Auch die gelegentlichen Ausflüge in den Vocal Jazz gelingen prächtig. Besonders „Henrietta Our Hero“ glänzt mit schwelgenden, fein akzentuierten Gesangsmelodien. Schnell steigert sich das lyrische Stück in geradezu epische Höhen und erfüllt damit wieder einmal den hohen Anspruch dieses Albums. Sicher, es gibt auch Stücke, die sich wie ein Zwischenspiel anfühlen und eher als Brücke für die gigantomanischen Auswüchse davor und danach dienen. Aber was soll man bei dieser Größenordnung auch erwarten. „The Epic“ ist ein Triumphzug interstellaren Ausmaßes, dennoch fest verankert in (afro-)amerikanischen Traditionen.

Doch wie zu erwarten sind im Jazz-Lager die Reaktionen eher gebremst. Wie (vor allem) deutschsprachige Medien mit „The Epic“ und den Reaktionen darauf umgehen, zeigt ein mal mehr, dass Jazz eine durchaus elitäre Veranstaltung ist. Zwar wird die Musik durchweg gelobt – daran führt bei dieser Qualität einfach kein Weg vorbei. Viele Experten scheinen sich aber mitunter daran zu stören, dass Kamasis gleichermaßen überdimensionierter wie zugänglicher Entwurf ihrer Lieblings-Stilrichtung weltweit neue Hörerschaften anzieht. Und missverstehen seine Rolle als die eines Studiomusikers, der für die eher anspruchslose Hip Hop-Gemeinde eine kleine, verträgliche Dosis LA-Jazz einstreuen darf.

Dabei übersehen viele nicht nur die genreüberbrückende Rolle des Hochklasse-Labels Brainfeeder. Wo doch Flying Lotus im Prinzip auf „You’re Dead“ im letzten Jahr zumindest zu großen Teilen zum elektronisch angereicherten Jazz übergewandert ist. Den vor allem in den letzten Jahren vor Kreativität und sozial-bewusster Haltung überschäumenden Westcoast-Hip Hop brachte die „Zeit“ jüngst in Verbindung mit „aufgetragener Toughness“ und der Reduzierung  auf „einen pittoresken Hintergrund“. Als sei es ein Problem, sich Musikrichtungen über andere zu erschließen. Klar, es wirkt nicht nur anmaßend, schon jetzt Coltrane oder Sun Ra in Reichweite zu sehen. Das hat viel mit der langen und kulturell unfassbar bedeutsamen Geschichte dieser Musikrichtung zu tun. Es scheint aber doch, als sei die Jazzwelt besorgt um ihren singulären Status, näher an der viel geförderten E-Musik als am populären Puls der Zeit. Dass Kamasi Washington tatsächlich viele Menschen zum Jazz bringen könnte und dennoch indirekt den konservativen Feuilletonisten auf die Füße tritt, ist dabei die wahre Revolution.