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Julie’s Haircut – Our Secret Ceremony
Julie’s Haircut – Our Secret Ceremony

Julie’s Haircut – Our Secret Ceremony

7.5

Genre: , , ,
Label: A Silent Place

Erstellt am: 22.05.2009
Autor:
Erstellt am: 22.05.2009   Autor:

Neuerscheinungen

Fliessen und fliessen lassen

Julie’s Haircut sind in Italien bereits ein grosser Name bezüglich alternativer Musik. Das Doppelalbum ’Our Secret Ceremony’ ist bereits deren fünftes Werk und dürfte auch hierzulande auf offene Ohren stossen.

Das Thema hatte ich bereits ein-, zwei- oder dreimal: Italien als zukunftsweisendes und überraschendes Ursprungsland für sehr gute alternative Musik.
Julie’s Haircut aus Norditalien spielen bereits seit 1994 experimentellen Indierock, welcher sich durch psychedelische Elemente, Popmelodien und eine Spur Garagerock auszeichnet. Das nun vorliegende Doppelalbum zeigt die verschiedenen Gesichter der Band deutlich.

’Part 1 – Sermons’ kombiniert seltsame elektronische Klangwelten mit relativ langsamem Indierock. Sämtliche Stücke scheinen irgendwie zu schweben. Wie soll man sich dies jetzt vorstellen? Am ehesten trifft der Vergleich zum milden Cannabisrausch zu. Alles erscheint leicht verlangsamt, verschwommen, gemütlich und ruhig. Die Songs dauern meistens relativ lang, bauen sich langsam auf, wobei Gitarre, Bass und Schlagzeug einen gemütlich-warmen Teppich bilden, während sich träge, hängende elektronische Geräusche darauf austoben. Dem Gesang wird relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt, im Zentrum stehen repetitive, hypnotische Klangwelten. ’Origins’ spricht für das ganze Album: Elektronisches Piepsen zu Beginn, dann die verträumte, anhaltende Basslinie, die Gitarren dürfen nach gut zwei Minuten ein bisschen Krach machen, anschliessend wird während gut 11 Minuten am Tempo und am Volumen geschraubt. Die daraus resultierende Intensität erklimmt Berge und versinkt in düsteren Wäldern, vereinzelte Soli und seltsame Geräusche tauchen auf, sich wiederholende Gesangsfetzen und schimmernde Klänge verlieren sich in der Zeit. Scheue Erinnerungen an die psychedelischen 60/70er, vielleicht auch an die Doors werden wach. Dieser hypnotische Traum endet beim Stück  ’Mean Affair’. Das wild hupende, jazzige Saxophonthema sowie Orgel- und Vipraphonsoli sind wiederum psychedelisch, diesmal jedoch mit mehr Schwung bzw. Jazz.

’Part 2 – Liturgy’ hat bei nur sechs Tracks eine Laufzeit von 45 Minuten. Dieser Teil des Albums geht im Vergleich zu Part 1 noch eine Spur weiter in die Abgründe psychedelischer Rockmusik. Dass die Band bereits mit Damo Suzuki (Can) zusammengearbeitet hat, ist jedenfalls herauszuhören. Während auf Disc 1 noch vereinzelt eingängige Passagen und Popstrukturen zu finden sind, verliert sich Part 2 endgültig in endlos scheinenden psychedelischen Klanglandschaften. Gesang ist nun kaum mehr auffindbar. Kein Gesang, endlose Spielzeit, sich wiederholende Gitarren, elektronische Effekte und psychedelische Klanglandschaften, das klingt verdächtig nach Postrock. Trotzdem bleibe ich bei der irrwitzigen Genrebezeichnung ’psychedelic Indierock’. Für den ehrenvollen Titel Postrock fehlt eine gewisse verzweifelte, depressive, vielleicht auch endzeitliche Färbung. Julie’s Haircut zelebrieren hier auf unscheinbare Weise kleinste, jedoch wirkungsvolle Veränderungen. Monotone Basslinien werden von einzelnen Gitarren, Vibraphon- oder elektronischen Tönen umschmeichelt. Keine Wutausbrüche, kein Krach, keine unerwarteten musikalischen Eruptionen. Fliessen und fliessen lassen.

Insgesamt ist die Sache schwer in Worte zu fassen, wer jedoch auf das Spiel mit der Zeit, auf kleine, feine Variationen, auf präzise, sanfte und intelligent konstruierte, jedoch improvisiert wirkende Musik steht oder wer vom Trip schlicht nicht mehr runterkommt, wird an der geheimen Zeremonie von Julie’s Haarschnitt mit Freude teilnehmen.

Seit 22. Mai 2009 im Handel.

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Anspieltipps:
> The Stain
> The Devil in Kate Moss
> Origins

Diskographie:
> Fever in the Funk House (1999)
> Stars Never Looked So Bright (2001)
> Adult Situations (2003)
> After Dark, My Sweet (2006)
> Our Secret Ceremony (2009)

Ähnliche Künstler:
> Ghinzu
> Disco Drive
> Pink Floyd
> The Doors