Exit Music
Joanna Newsom – Ys
Joanna Newsom – Ys

Joanna Newsom – Ys

9.0

Genre:
Label: Drag City

Erstellt am: 06.11.2006
Autor:
Erstellt am: 06.11.2006   Autor:

Neuerscheinungen

Goldige Ränder abkratzen

Der wichtigste Name der „New-Weird-America-Bewegung“ ist spätestens nach dem begnadeten, mittelalterlichen Geschichtenbuch „Ys“ Joanna Newsom.

Die Wacholderbeere im Schnabel steckend blickt er sie majestätisch an. Der Rabe sitzt auf dem Fenstersims, dahinter ist eine prächtige Landschaft mit Berg, Wald und Fluss zu sehen. Es ist später Nachmittag und der Sturm liegt nicht mehr weit. Joanna sitzt graziös da – mit ihrem Blumenkranz in den Haaren und ihrer Sichel, mit der sie jeden Moment jemanden umbringen könnte. Das Bild von ihr ist mittelalterlich, mysteriös und magnetisch. Auf diesem macht Newsom den Eindruck einer reifen, schönen und begehrten Frau, von welcher man so einiges erwartet. Und das tut man ja auch: Schliesslich sind die Tage gezählt worden, bis die Freakfolk-Hoffnung ihren Zweitling präsentierte und nachdem die neuen Alben von CocoRosie und Devendra Banhart eher mässig waren, wuchsen die Erwartungen ins beinahe Unermessliche. Doch, was man sich auch vorgestellt hatte, bestimmt nichts Vergleichbares zu „Ys“:
Fünf überlange, altertümliche Epen, fliessend erzählt und dramatisch aufgebaut. Zumindest vom Konzept her eine wilde Überraschung und auf den ersten Blick so spannend wie lange kein Folkalbum war. Der zwölfminütige Auftakt „Emily“ ist dann dermassen faszinierend und schön, dass man kaum fassen kann, was sich hier abspielt. Unglaublich souverän führt uns Joanna Newsom durch stürmische Nächte und traurige Begegnungen, akzentuiert dabei „meteorite“ in höchstem Masse erregend und schafft es immer wieder, neue Harmonien natürlich in ihr Epos einfliessen zu lassen. Dieser Song ist etwas vom Besten, was es dieses Jahr bisher zu hören gab. Und „Ys“ definitiv eines der mutigsten Alben: Durchwegs anspruchsvoll, permanent anstrengend und stets unvorhersehbar. Die Amerikanerin singt begnadet schön und erzählt skurrile, romantische und vor allem ausführliche Geschichten. „Monkey & Bear“, welches alle drei Eigenschaften in sich vereint, wird dramatisch instrumentiert und gleicht einer Waldoper, wo man im Minutentakt den Schauplatz wechselt, um am Ende in der Holzhütte mit einem Bär Walzer zu tanzen. Auch dieser Song erfüllt jegliche Erwartungen an ein Miniaturmärchen in Form eines frischen Folksongs. „Sawdust & Diamonds“ ist weniger Märchen, dafür mehr Gedicht. Hier singt Newsom unwiderstehlich schön und vor allem eine atemberaubende Melodie, die von der Harfe (dem hier dominierenden Instrument) nur begleitet wird, aber all ihre Höhen und Tiefen nur in der Betonung der Worte der Sängerin erhält. So lösen sich die antiquierten Eigenschaften von Musik und Struktur in der freakigen, lebendigen Stimme auf und es entsteht eine einzigartige Symbiose aus geschmolzener Wucht, als Ahornzweig getarnt, aber am Ende nicht weniger als ein imposanter und mutiger Klassiker. Mutig deswegen, weil die Idee dieser fünf Songs auf „Ys“ nicht immer aufgeht. „Only Skin“ (16:48) ist dann einfach zu viel des Guten und wird, nachdem man bereits drei lange Wanderungen in den Ohren hat, irgendwann monoton und allzu anstrengend. Joanna Newsom hätte gut daran getan, anstelle eines dieser epochalen Lieder einen pfiffigen Popsong einzustreuen, am Ende wäre man wohl noch zufriedener heimgekehrt. „Only Skin“ frisst nebst neun Booklet-Seiten und viel Zeit auch die Konzentration und Motivation des Hörers auf. Diese beiden Dinge würde er aber unbedingt durch „Ys“ gebrauchen, schliesslich wird einem hier nichts geschenkt. Die einsamen Nächte voller Sehnsucht in „Cosmia“ dagegen sind dann wieder um einiges kreativer und spannender. Die vorerst letzten Worte: „And I miss your precious heart. But release your precious heart, to it’s feast, for precious hearts“. Bleibt zu sagen:Die besten Songs aus „Milk-Eyed Mender“ und „Ys“ ergäben das Überwerk, das bald kommen wird. Diese Künstlerin ist absolut begnadet!Seit 3. November 2006 im Handel.
Anspieltipps: Emily; Monkey & Bear; Sawdust & Diamonds; Cosmia
Trackliste: 1) Emily; 2) Monkey & Bear; 3) Sawdust & Diamonds; 4) Only Skin; 5) Cosmia
similar artists: CocoRosie, Devendra Banhart, Nina Nastasia, Grey DeLisle, Vashti Bunyan, Isobel Campbell, Edith Frost, Faun Fables, Cat Power

Bio:

Joanna Newsom wurde 1982 in Nevada City geboren. Aus einer musikalischen Familie stammend – der Vater ist Gitarrist, die Mutter Konzertpianistin, die Geschwister spielen Cello und Drums, Komponist Terry Riley war ein Nachbar – studierte sie am Mills College Harfe. Sie spielte auch in den Bands Golden Shoulders und The Pleased Keyboards. Nachdem sie mit Will Oldham tourte, unterschrieb sie bald bei Drag City und veröffentlichte ihr Debütalbum The Milk-Eyed Mender. Darauf ging sie mit Devendra Banhart und Vetiver auf Tour. 2006 erscheint Newsoms zweites Album, das hier besprochene „Ys“.{mos_sb_discuss:6}