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Iron & Wine – Kiss Each Other Clean

Iron & Wine – Kiss Each Other Clean

7.5

Genre: , ,
Label: Sub Pop

Erstellt am: 07.02.2011
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Erstellt am: 07.02.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Elton John mit Bart

In Sam Beams Projekt Iron & Wine ging es einst um fragile, beinahe gehauchte Balladen. Nicht so auf „Kiss Each Other Clean“. Wie er schon auf den letzten Veröffentlichungen angedeutet hat, ist er in bester Experimentierlaune und schafft mit Hilfe von Xylophonen, Saxophonen, Synthesizern und anderen Exoten einen bunten Cocktail aus Pop, Soul, (Afro-) Funk und Doo-Wop.

Zugetraut hätte man Sam Beam eher anderes. Schliesslich lebt er auf einer einsamen Farm in Texas und sieht eher wie ein weltfremder Henry Thoreau-Jünger und Gleichgesinnter von Chris MacCandless aus als wie der nächste Stevie Wonder. Und schon gar keine äusseren Ähnlichkeiten teilt er mit dem souligen Schwiegermutter-Traum James Morrison, obwohl er seine stimmlichen Entwicklung in ungefähr dessen Richtung vorangetrieben hat.

Was aber Iron & Wine 2011 vom poppigen Retro-Soul, der zur Zeit die Charts überschwemmt, unterscheidet, ist die Eigenwilligkeit der immer wieder überraschenden Arrangements. Der bald fünffache Familienvater und Universitätsprofessor Beam weiss, dass er Lieder schreiben kann, die akustisch bestens funktionieren. Nun hat er instrumentiert, Lücken gefüllt, ist Wagnisse eingegangen. Nun heult ein schräges Quietsch-Saxophon, kreischende Synthesizer finden ebenso Verwendung wie Bongos und lateinamerikanische Perkussion, Afrobeat-Rhythmen genauso wie Stevie Wonder-Rhodes. Beam kann stolz sein, dass er seine erste Platte veröffentlicht hat, zu der man tanzen kann. Das Album verweist stark in die Zeit der Kindheit Beams. Irgendwann sei ihm aufgefallen, dass die neuen Songs sehr nach der Musik klingen, die Beam im Auto seiner Eltern hören konnte.

Der gepinselte Mann, der unter dem Apfelbaum lag, steht neuerdings zwischen grellen Farben und grossen Tieren. Von Album zu Album waren die Schritte riesig und nicht zu erwarten. Sam Bean führt den schüchternen Folk aus „Creek Drank the Cradle“ nicht mehr fort und trotzt jedem Kritiker mit einer übertriebenen Anzahl an Effekten, Stilfetzen und sogar Soul. Als hätte er was nachzuholen, um zu beweisen, dass er es auch bei einer teuren Produktion schafft, eigenständig und dynamisch zu bleiben. „The Sheperd’s Dog“ war mir zugeschnitten und trotzdem bunt und tief gründend.

Trotz der neuen musikalischen Umgebung bleibt Beam ein subtiler Lyriker, der es schafft, aus seinen Songs kleine Momentaufnahmen menschlicher Erfahrung zu entfesseln. Er verarbeitet visuelle Eindrücke und wendet sie hin und her, verknüpft sie mit biblischen Motiven und ist stets darauf bedacht, mehr Fragen aufkeimen zu lassen als zu beantworten, ohne dabei ins Beliebige abzudriften.

Der Hit der Platte ist ohne Zweifel das wunderschöne nostalgische „The Tree by the River“, das auch nach dem zwanzigsten Hördurchgang noch Herzflattern hervorrufen kann. Es folgt ein wilder Ritt durch die Musikgeschichte bis das Album nach einer exstatischen Steigerung, die John Coltrane würdig gewesen wäre, mit dem Stück „Your Fake Name Is Good Enough for Me“ auf dem Höhepunkt abrupt abbricht.

„Kiss Each Other Clean“ ist kein Einzelfall, sondern liegt im Trend weg von den reduzierten Singer/Songwriter-Folk-Alben. Dieses Jahr hat Dan Bejar mit Destroyer bereits ein Album herausgebracht, in dem er den folkigen Indie-Rock der Anfangstage mit 80er-Synth-Pop-Elementen und Saxophon-Soli überwuchert. Auch The Decemberists haben sich einen Schritt vom Singer/Songwriter-basierten Folk entfernt, indem sie Americana und Country für sich entdeckt haben. „Kiss Each Other Clean“ ist wie diese beiden Alben eine stimmige und überraschende Angelegenheit, die grosse Freude bereiten kann. Die Frage ist nur, ob es für Bands, die mühelos perfekte Popsongs schreiben können, wirklich nötig ist, den letzten freien Winkel eines Songs mit Arrangements zu füllen.

Sam Beam hat ein paar Lieder dieser Platte bereits alleine, nur mit einer akustischen Gitarre begleitet, in Radiosendungen oder für das Fernsehen gespielt. Einige von ihnen funktionieren zweifellos noch besser, nachdem er den Ballast, den er im Studio so sorgfältig aufschichten konnte, wieder reduziert hat.

Seit 21. Januar 2011 im Handel.

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:

> The Trees by the River
> Your Fake Name Is Good Enough for Me

Diskographie:
> The Creek Drank the Cradle (2002)
> The Sea & the Rhythm EP (2003)
> Our Endless Numbered Days (2004)
> In the Reins EP (mit Calexico, 2005)
> Woman King EP (2005)
> The Sheperd’s Dog (2007)
> Around the Well (Compilation, 2009)
> Kiss Each Other Clean (2011)

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> Fleetwood Mac
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