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Honey For Petzi – General Thoughts and Tastes
Honey For Petzi – General Thoughts and Tastes

Honey For Petzi – General Thoughts and Tastes

8.5

Genre: ,
Label: Two Gentlemen

Erstellt am: 04.02.2011
Autor:
Erstellt am: 04.02.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Music for the masses?

Honey For Petzi aus Lausanne, die Vorreiter des einheimischen Instrumentalrocks, liefern nach langer Wartezeit ein neues Werk ab. Die Band überrascht (wie immer) und könnte ihre Zuhörerschaft deutlich vergrössern.

Neulich wurde von einem Diskussionspartner behauptet, Postrock sei Musik von Gitarrenfreaks, die keinen anständigen Sänger finden würden. Ich widersprach natürlich vehement und konterte, dass Musik nur dann emotional zutiefst berühren kann, wenn auf Gesang verzichtet würde (mit einem Querverweis auf klassische Musik) oder aber ein Sänger/in am Werk ist, dessen Stimme allein dank ihrer klanglichen Eigenart zu berühren vermag. Die Bedeutungen und Inhalte, welche mittels Texten übermittelt werden, können genauso gut ohne Gesang beim Hörer ankommen. Dieser entscheidet bei Instrumentalrock selbst, woran er denken will bzw. in welche Richtung er seine Gedanken von der Musik tragen lässt.

Nun, als ich vernahm, dass Honey for Petzi mit neuem Material antreten würden, erinnerte ich mich mit freudig leuchtendem Blick an “Man’s Rage for Black Ham“, dem meiner Ansicht nach noch immer besten Postrock-Album der Schweiz (obwohl mit Eno und Kid Ikarus mächtige Konkurrenten aufgetaucht sind). Nun höre ich mir “General Thoughts and Tastes“ an und kann aufgrund meiner Instrumental-versessenheit eine dezente Enttäuschung nicht leugnen. Da wird gesungen. Und zwar kräftig. Da bleibt mir nichts anderes, als das gleiche zu tun wie die Band: umdenken und weiterdenken.

Das Album klingt insgesamt bunt, oft fröhlich, häufig seltsam und konstant ungeheuerlich kreativ. Postrock kann man dies kaum mehr nennen, experimenteller Indierock kombiniert mit mathematisch-präzisem Spiel, hanebüchenen (was ’n schönes Wort…) Rhythmuskapriolen und wahnwitzigen Ideen kommt da im Sinne einer masslosen Genre-Bezeichnung näher. Sphärische synthetische Geräusche treffen auf abgehackte Gitarren, Pianoklänge auf holperndes Schlagzeug. Mit „Endless Sea“ und „Black Comedy“ beginnt es in bester HoneyForPetzi-Manier. polternd, schwierig, monoton, schräg. Mit Gesang, doch dazu später. Im Pressesheet werden Genesis zum Vergleich herangezogen (wohl eher die früheren Schaffensphasen, ich denke an progressive  Alben wie „A Trick of the Trail“, „Wind & Wurthering“ oder „…and then there were three“), dem kann ich zustimmen. Der kurze Song „Curtains“ oder auch „Late Night Tale“ erinnern schwer an ebenjene Schaffenszeiten des Duos Collins/Gabriel. Im krassen Kontrast zu diesen schleierhaften, synthetisch dominierten Klangexperimenten stehen verschiedene relativ zappelige, treibende Indie/Elektropop-Bastarde. Meisterhaft vorgetragene Duelle zwischen Bass und Schlagzeug („Old Enough“) werden von herrlich monotonen Gitarrenfetzten gejagt. „Power Loss“ oder „Made of Concrete“ könnten gar in Radiostationen jenseits von ‚Alternative‘ laufen. Grundsätzlich freundlich nahe am Pop, dank wüsten Gitarren oder aber beinahe kitschigem Schmalz jedoch eventuell zu harzig oder aber zu sanft für Hinz und Kunz. Und der Gesang…ehm, der passt soweit, stört meistens nicht, ist sogar immer wieder sehr gut in die Klangwelten eingepasst („Late Night Tale“), klanglich sympathisch, jedoch nicht zwingend bereichernd (da musikalisch dermassen viel geboten wird), jedenfalls macht er die Sache auch für Normalverbraucher einigermassen zugänglich. Das Album schliesst mit „Faces“ wunderbar gelassen. Zweistimmig, friedlich, folkig, entsprechend an Bright Eyes erinnernd.

Viel hat sich verändert, nichtsdestotrotz bewahrten Honey for Petzi ihre Eigenwilligkeit.   Erfreuliche Monotonie trifft auf höchste spielerische Komplexität. Nicht hoch genug anzurechnen ist die Tatsache, dass das neue Album einerseits einen grossen Schritt hin zur Massentauglichkeit gemacht hat, jedoch trotzdem dermassen vielseitig und komplex daherkommt, dass die Masse überfordert sein könnte. Der Albumtitel fasst diese Ambivalenz auf herrlich ironische Weise zusammen. Schlussendlich wage ich es, diese Musik als ‚modern‘ zu betiteln; das Gesamtwerk erinnert dank des ungeheuerlichen Ideenreichtums an „Hidden“ von These New Puritans, ebenfalls äusserst eigenwillige und vielleicht gerade deswegen moderne Musik.

Seit 14. Januar 2011 im Handel.

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Anspieltipps:

> Black Comedy
> Handmade Cloaks
> Strategy, Bravery, Honour
> …und viele mehr…

Diskographie:

> Téléski (2000)
> Heal All Monsters (2001)
> Nicholson (2003)
> Angels Camp (2003)
> Man’s Rage for Black Ham (2005)
> Split EP mit Seidenmatt (2005)
> Colorplan Excel (2008)
> General Thoughts and Tastes (2011)

ähnliche Künstler:

> Ter Haar
> Suuns
> Seidenmatt
> Aucan
> These New Puritans