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Gui Boratto – Take My Breath Away
Gui Boratto – Take My Breath Away

Gui Boratto – Take My Breath Away

8.0

Genre: , ,
Label: Kompakt

Erstellt am: 13.03.2009
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Erstellt am: 13.03.2009   Autor:

Neuerscheinungen

Aussen und innen kompakt

Mit seinem neuen Album liefert der brasilianische Minimal-Techno-Produzent Gui Boratto neuen Stoff fürs Kopfkino wies Tanzbein gleichermassen.

Das Kölner Powerhouse Kompakt ist seit seiner Gründung vor 11 Jahren eine der wichtigsten Adressen für Minimal Techno. Grund dafür ist unter anderem, dass sich das Label nie vor Veränderungen gescheut hat und seit Beginn der stetigen Entwicklung des eigenen Sounds nie im Wege stand. So überrascht es auch nicht, dass 2 der zuletzt interessantesten Alben des Minimal Technos, “From Here We Go Sublime“ von Axel Willner, bekannt unter dem Pseudonym The Field, und “Chromophobia“ von Guilherme – kurz: Gui – Boratto auf diesem Label erschienen sind.

Ein Blick auf Metacritic zeigt, dass “From Here We Go Sublime“ als bestbewertetes Album des Jahres 2007 einging. Paradoxerweise war es verschiedenen Fachzeitschriften zu elektronischer Clubmusik aber nur eine Randnotiz wert. Vielleicht waren es die zahlreichen Shoegazer- und Ambient-Elemente oder der stärkere Fokus auf Repetition und Loops anstatt Crescendi, welche das Album für den Hörgenuss zu Hause interessanter wirken liessen als für den Club. Obwohl Gui Borattos erstes Studioalbum “Chromophobia“ in die gleiche Richtung zielte und in seiner Homogenität “From Here We Go Sublime“ in nichts nach stand, war die Diskrepanz zwischen Club und Kopfkino weit weniger gross als bei Willner. In erster Linie lag das daran, dass Boratto es immer verstanden hat, abseits des Gesamtwerks auch Standout-Tracks zu kreieren, womit er sich auch beim Clubpublikum einen Namen machen konnte.

Dementsprechend gespannt darf man auf die jeweiligen Zweitwerke der beiden Künstler sein. Einerseits gilt es nun zu überprüfen, ob sich Boratto und Willner als One-Trick-Ponys herausstellen, andererseits wird es aber auch interessant sein, festzustellen, ob die Rezeption der beiden Alben beim jeweiligen Publikum wieder so unterschiedlich ausfallen wird. Während Axel Willners zweites Album, “Yesterday & Today“, erst im Mai erscheinen wird, legt Gui Boratto nun “Take My Breath Away“ vor. Und wer seinem Album diesen Titel gibt, legt die Messlatte auch dementsprechend hoch.

Wer nun allerdings erwartet, dass Gui Boratto bereits von der ersten Sekunde an alle Register zieht, irrt. Obwohl das Album mit dem Titeltrack beginnt, eröffnet Boratto seinen Zweitling auf eine äusserst subtile, fast schon somnambule Weise. Über knapp sieben Minuten hinweg entwickelt er einen einfachen Track mit dezenten Synthesizergeräuschen, die er über eine sich kaum verändernde Bassdrum legt. Wieder einmal liegt Borattos Kunst hier in der Repetition und nicht im Crescendo.

Scheitert Gui Boratto also mit seiner Mission, die er im Albumtitel angekündigt hat? Um es kurz zu machen: Nein. Auch auf Take My Breath Away befinden sich wieder zahlreiche Momente, die uns wortwörtlich den Atem rauben. Allen voran der Höhepunkt des Albums, „No Turning Back“, der schon wie „Beautiful Life“ vom Vorgängeralbum der einzige Track mit Vocals – übrigens wie immer beigesteuert von seiner Ehefrau Luciana Villanova – ist. Hier zeigt Boratto sein ganzes Können innerhalb von 6 Minuten, wobei es nicht nur die angesprochenen Vocals, sondern auch die geschickt gesetzten Breaks und der hervorragende Spannungsaufbau sind, welche diesen Track zum grössten Popmoment des Albums lassen werden. „No Turning Back“ reiht sich nahtlos in die Reihe der grossartigen Gui Boratto-Singles wie „Like You“, „Arquipélago“ oder dem angesprochenen „Beautiful Life“ ein, welche gleichermassen vom Club- als auch vom Kopfkinopublikum geliebt werden können. Es ist bemerkenswert wie es Boratto auch beim zweiten Mal wieder geschafft hat, trotz der inneren Kompaktheit des Albums einen waschechten Hit aus dem Hut zu zaubern.

Nicht mehr so überraschend ist hingegen, dass Boratto auch dieses Mal wieder gehörig über den Tellerrand des Minimal Technos hinausblickt. So erinnert zum Beispiel „Colors“ dank seiner dominanten Keyboard-Linie angenehm an Kraftwerk und vor allem in der zweiten Hälfte des Albums befinden wir uns öfters eher im Click & Cuts- und Glitch-Feld als beim traditionellen Minmal Techno. Bei Tracks wie „Besides“, „Azzurra“ oder „Les enfants“ sind wir meilenweit von Justus Köhncke und Ricardo Villalobos entfernt, viel mehr werden sich Fans von Dntel/James Figurine und Lali Puna hier bestens aufgehoben fühlen. Aber auch Freunde des traditionellen Minimal Technos werden “Take My Breath Away“ dank Tracks wie „Atomic Soda“ und „Opus 17“ euphorisch aufnehmen können.

Es bleibt festzuhalten, dass Gui Boratto mit seinem zweiten Album alle Hoffnungen erfüllt hat. Etwas, dass man ihm angesichts der immens hohen Erwartungen verschiedenster Seiten hoch anrechnen darf.

Seit 13. März 2009 im Handel.

Die vollständige Rezension gibt es auf unserer Partnerseite out-of-space.ch zu lesen.