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Friska Viljor – Remember Our Name
Friska Viljor – Remember Our Name

Friska Viljor – Remember Our Name

8.0

Genre: ,
Label: Crying Bob

Erstellt am: 11.02.2013
Autor:
Erstellt am: 11.02.2013   Autor:

Neuerscheinungen

Gimmick für Grosse

Kennt noch jemand die tollen Extras, die allwöchentlich unserem Lieblings-Magazin beigelegt waren – und wir überredeten Mama, die Zeitschrift zu spendieren, allein dieses kleinen Spielzeugs wegen? Gimmicks heissen diese Zugaben. Sie sind möglichst ungewöhnlich, locken jedes Kind aus der Reserve und sind das unverkennbar Besondere am ewigen Einerlei, auf das sie gepackt werden. Was diese Beiwerke damals für uns und unsere Hefte waren, sind Friska Viljor für den Erwachsenen von heute – und die Musikszene.

Aussergewöhnlich war am Anfang von Friska Viljor eigentlich recht wenig:  da trafen sich 2005 zwei Jungs „um sich den Frust über die Frauen von der Seele zu saufen und zu singen“. Dass ein hochprozentiger Absturz zum Beginn einer Karriere führt, ist im Musikbusiness eine Konventionalität. Business as usual, also. Aber dann brachten die besagten Herren Daniel und Joakim bereits drei Wochen später ihr erstes Album heraus. Und heute, mit dem neusten Exemplar „Remember Our Name“, sind es ganze fünf Platten an der Zahl. Das entspricht in etwa dem musikalischen Äquivalent des Durchbrechens der Schallmauer.

Die Indie-Folker von Friska Viljor, mittlerweile zu sechst, scheinen nicht die Sorte Künstler zu sein, die während des Schaffensprozess tausende Tode sterben, bevor sie ihr Werk als vollendet erachten. Weg mit dem grossen Vorgeplänkel. Das gilt auch beim neusten Album „Remember Our Name“: Track Nummer Eins („Did You Ever“) fällt direkt mir der Tür ins Haus. Der Einstieg überrumpelt dermassen, dass der Hörer erst nach einiger Zeit begreift, auf was er sich da eingelassen hat. Etwa Volksmusik?! Egal. Einfach mitschunkeln. Und mitsingen. Es macht schlicht zu grossen Spass, um sich über die scheinbaren Stilverirrungen der Schweden zu mokieren.

Das ist das Paradoxe an Friska Viljor: bei ihnen tanzen erwachsene Leute willig zu einem Song wie „Stalker“, dessen Einstieg wahlweise an den Titelsong eines 90er-Jahre Mangas oder an einen flötenspielenden Clown erinnert. Oder zu „Boom Boom“, das wie eine Uptempo-Disconummer aus der Zeit von Föhnfrisur und Dauerwelle klingt. Mal sind Mandoline, Orgel, Glockenspiel und Ukulele wild durchmischt. Mal schlagen die Schweden auch leisere Töne an. Doch selbst dann sind sie noch für eine Überraschung gut: etwa, wenn der Schlusstrack „Remember Our Name“ stellenweise an ABBA erinnert. Ein bisschen skurril ist das schon. Aber an der kunterbunten Anarchie, die das Sextett da fabriziert, stört sich niemand.

Etwaige Skepsis gegenüber den musikalischen Machenschaften von Friska Viljor löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Die Schweden machen „Kindermusik mit erwachsenen Texten“, wie Sänger Joakim Sveningsson das Friska-Werk einst bezeichnet hat. Genau das ist es, was ihre Kunst so fesselnd macht: den H&¨rer überkommt das Gefühl, ein paar Jährchen in der Zeit zurückversetzt zu werden. In die Kindheit. Als nachmittägliche Zeichentrickserien der spannende Höhepunkt des Tages waren; man mit leuchtenden Augen an der Zirkusmanege sass; mit ABBA Bekanntschaft machte. Die Melodie der vergangenen Tage – Friska Viljor beherrscht sie mit Perfektion. In dunstigen Konzerträumen und auf schlammigen Openair-Wiesen – den Spielplätzen „unserer“ Zeit – für Ausgelassenheit zu sorgen, ist für sie ein Kinderspiel.

Und dann sind da ja auch noch die „erwachsenen Texte“: Friksa Viljors Lyrics sind zwar völlig jugendfrei – aber keine Märchenstunden. Im Gegenteil: Sie räumen auf mit den, von Film- und Musikindustrie mittlerweile bis zum Exzess beschworenen, „ganz grossen Gefühlen“. Die Band besingt lieber die kleine Verdrossenheit des Alltagstrotts. Das stetig Nagende. Und die gnadenlose Erkenntnis, dass selbst die Erfüllung eines sehnlichen Wunsches kaum etwas verändert („Easy Is Heard“). Friska Viljor führt vor Augen, dass das Leben aus vielen kleinen, konfusen Emotionsregungen besteht – und seltener aus kolossalen Empfindungen. Sie holen die klischierte (Musik-) Welt musikalisch und lyrisch wieder ein bisschen auf den Boden zurück.

Friska Viljor. Eine merkwürdig-fesselnde Sache. Auf charmante Weise irgendwie schräg. Keine Indie-Folk-Band, die sich anhört, wie all die individuellen Hipster aussehen – immer gleich. Stattdessen locken sie mit kindlichen Spielereien das Kind, das in der Erwachsenenhülle steckt, aus der Reserve. Und heben sich mit ihrem ausgewachsenem Realitätssinn ab, von der gefühlsduseligen Musikszene. Friska Viljor wecken in jedem die Neugierde. Gimmick, eben. Für Grosse.

Seit  18. Januar 2013 im Handel.

> Hören und Kaufen
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Anspieltipps:

> Bite Your Head Off
> Easy Is Hard
> Until the End

Diskographie:
> Bravo! (2006)
> Tour de Hearts (2008)
> For New Beginnings (2009)
> The Beginning of the Beginning of the End (2011)
> Remember Our Name (2013)

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> Young Rebel Set
> Johnossi