Exit Music
Erstes Wiener Heimorgelorchester – Ütöpie
Erstes Wiener Heimorgelorchester – Ütöpie

Erstes Wiener Heimorgelorchester – Ütöpie

9.0

Genre:
Label: Monkey

Erstellt am: 09.05.2012
Autor:
Erstellt am: 09.05.2012   Autor:

Neuerscheinungen

Heimorgler mit dadaistischem Witz

Das Erste Wiener Heimorgelorchester verbindet Lo-Tech-Pop mit Hochkomik.

Sie geben an, keine Vorbilder zu haben und erinnern trotzdem ungemein an den Synthie-Pop der 80er-Jahre. Das mag an den einfachen Instrumenten liegen, die das Erste Wiener Heimorgelorchester (EWHO) seit fast zehn Jahren unverdrossen einsetzt – simple Keyboards für den Hausgebrauch, die jeder auch nur halbwegs ambitionierte Keyboardnovize rundheraus ablehnen würde. Sie erinnern quasi automatisch an die Frühzeit der elektronischen Popmusik. Originalität und Eigenständigkeit hat das Quartett hinlänglich bewiesen, und die Bezüge zur Vergangenheit – wenn sie denn doch gewollt sind – sind nicht epigonal, sondern ironisch gebrochen.

So kann man „Käseleberkäse“ mit seinem harten, stupenden Rhythmus als DAF-Persiflage lesen. Nur dass das EWHO nicht mehr provozieren muss und zum Leberkäseessen auffordert. Wobei sie noch einen doppelten Boden eingezogen haben: Aufgrund der Mundart ist es nicht eindeutig, ob es sich um eine Aufforderung handelt oder um eine Feststellung. Gleichzeitig machen sie sich im gleichen Lied ganz nebenbei über den einzigen Hit der österreichischen Band Opus, „Live is Life“ Hits lustig – „Life is live“, singt das EWHO, „Rotwein rot / Weissbrot weiss / tot ist tot“.

Als Connaisseure erweisen sich die Wiener durch die Vertonung des absurd-abgründigen Ror-Wolf-Gedichts „Das Nordamerikanische Herumliegen“, dessen groteske Komik sie apokalyptisch-düster umsetzen. Diese Vertonung verdeutlicht auch, wo sich das EWHO ansiedeln möchte: bei den Dichtern der literarischen Hochkomik, Robert Gernhard, seinen Kompagnons von der Neuen Frankfurter Schule und ihren Vorläufern wie Christian Morgenstern und Ernst Jandl.

Das ist keineswegs vermessen. Denn selbst die scheinbar reinen Nonsens-Texte der Gruppe sind hintersinnig. Wenn sie wie im gleichnamigen Lied über das Echo singen, verstärken sie dessen Wirkung nicht bloss, sondern verkehren sie ins Gegenteil. Dann zieht sich der Ich-Erzähler des Stücks zwar mit seinem Kamm nur „nachlässig einen Scheitel“, doch das Echo wirft ihm ein „eitel eitel eitel eitel“ zurück. Und wenn er sich einredet, dass sie nur bei ihm sein wolle, „und zwar sofort“, entlarvt dies das Echo sofort als Trugschluss und  wirft ihm umgehend sein „fort fort fort fort“ zurück. Dafür gibt es keine Vorbilder.

Seit  20. April 2012 im Handel.


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Anspieltipps:
> Ütöpie
> Echo

Diskographie:

> Die Affen (1999)
> Wir haben die Orgeln nur von unseren Kindern geborgt (2003)
> Auto Play (2005)
> Es wird schön gewesen sein (2009)
> Ütöpie (2012)

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> Attwenger
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