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Doc Gynéco – Un Homme Nature (2006)
Doc Gynéco – Un Homme Nature (2006)

Doc Gynéco – Un Homme Nature (2006)

9.0

Genre:
Label: Exclaim

Erstellt am: 08.03.2006
Autor:
Erstellt am: 08.03.2006   Autor:

Neuerscheinungen

La boum

Der französische Hip Hop-Künstler Doc Gyneco vermeidet es auf „Un Homme Nature“ bewusst, zu kritisieren und provozieren. Er bleibt den szenetypischen Fuck-Chirac-Attitüden fern und widmet sich stattdessen den schönen Seiten des Lebens.

„La Party“ heisst der Opener und eröffnet dem Hörer auf direktem Weg, was hier läuft: Unkomplizierter, lockerer (Party-)Sound. Dieser setzt sich zusammen aus relaxten Raps, sonnigen Reggaebeats, Ska-typischen Rhythmen und einem chansonartigen, charmanten Witz. Oft sorgen auch die Backgroundsängerinnen (uhhhhh-ahhhhh-uhhhhh) für einen sanften Flow, der die zackigen Beats ein wenig abrundet. Der Grundton des Albums ist sehr smooth, Doc Gyneco nimmt sich selbst nie zu ernst und ist manchmal auf so selbstverständliche Weise kitschig, dass man es ihm gar nicht vorwerfen kann. Sentimentale Ergüsse werden mit dem nötigen Augenzwinkern präsentiert, so etwa wenn er wie der grimmigste Rapper ansetzt „J`ai un problème“, gleich anfügt „J`ai jamais dit je t`aime“ und anschliessend den Rest des Songs begleitet von einem zuckersüssen Beat „uh-uh, i never said i love you“ ins Mic haucht. Manche Songs sind stilistisch auch so wirr zusammengesetzt, wechseln zwischen Folk, Pop, Ragga und Punk („Lov Lov Lov“, „La Doleur Et La Haine“) dass man zwar keine Ahnung hat, was es ist, aber der unbekümmerte Umgang mit den verschiedenen Wurzeln einfach Spass macht. Die Qualität der CD macht aus, dass Gyneco keinen benennbaren Stil ausser seinem eigenen hat, der oft unkonventionell wirkt, aber sehr leicht zu hören ist und kein bisschen anstrengt. Der Sound bereitet Vergnügen und es ist spannend zu hören, was als nächstes passiert. Wer bei „Nos Larmes“ ein Déjà-vu (Déjà-entendu…) erlebt und nicht weiss weshalb, der achte auf den Backgroundbeat, den man bereits vom Dilated People Track „worst comes to worst“ kennen dürfte. Ein bisschen offensichtlicher und auch sehr witzig ist das Cover „String My Belle“, dass von Anita Wards Discohit „Ring My Bell“ aus den 70ern abkupfert. Das meiste sind aber Doc Gynecos Eigenkompositionen, die zwischendurch auch mal rocken („L`Homme Pressé“, „Reurti“) und von einer breiten instrumentalen Palette untermalt werden, was die Originalität des Albums zusätzlich charakterisiert.
„Un Homme Nature“ ist richtige, aber nicht ernste, komplexe, aber nicht komplizierte und witzige, aber nicht lächerliche Musik, die viele überraschende Momente bereithält, Stilbrüche als Stilmittel benutzt und eine sehr erfrischende Einzigartigkeit bietet. Nicht lange überlegen und einfach mal reinhören.

Seit 23. Januar 2006 im Handel.

Anspieltipps: Lov Lov Lov; Le 3eme Homme
Trackliste: 1) La Party; 2) Le 3ème Homme; 3) Matérialiste; 4) Un Homme Nature; 5) Reurti; 6) Song; 7) Nos Larmes; 8) Lov Lov Lov; 9) String My Belle; 10) Elle Aime; 11) La Douleur Et La Haine 12) Tu Mens; 13) Stoppe La Dette; 14) L`Homme Pressé
similar artists: Ménélik, Patrice

Bio:
Boris Beausire, 1974 in der Nähe von Paris geboren, war 16 Jahre alt, als sein Vater ihn und seine Mutter verliess. Den Rest seiner Jugend verbrachte er mit seiner Mutter, eine Sozialarbeiterin im Quartier de la Chapelle in Paris. Trotz dem schlechten Umgang in diesem Viertel wurde Boris nie zum streunenden Kleinkriminellen. Sein Interesse galt mehr den Frauen, was ihm an der Mittelschule den Spitznamen Doc Gyneco einbrachte. Als junger Mann galt seine Leidenschaft dem Songschreiben. Besondere Inspiration war im MC Solaar, der bewies, dass Hip Hop auch ausserhalb der Gangs eine Kunstform für sich sein kann. 1993 gab er zusammen mit seinen Freunden Stomy Bugsy und Passi unter dem Namen „Ministère Amer“ das Album „95200“ raus. Drei Jahre später folgte sein erstes Soloalbum „Première Consultation“. Im Jahr 2006 brachte Doc Gyneco zwei Alben gleichzeitig raus: Das hier besprochene „Un Homme Nature“, sowie „Le Doc Enregistre Au Quartier“, dass stärker an seine Wurzeln des Ragga, Hip Hop, u. ä. gebunden ist.