Exit Music
Deerhunter – Halycon Digest
Deerhunter – Halycon Digest

Deerhunter – Halycon Digest

8.5

Genre: , ,
Label: 4AD

Erstellt am: 15.10.2010
Autor:
Erstellt am: 15.10.2010   Autor:

Neuerscheinungen

Come out tonight and we’ll get stoned

Bradford Cox nähert sich schrittweise dem (noch immer wirren) Pop. Dieser steht ihm ausgezeichnet.

Eine dezente Annäherung an den Pop habe ich zwar schon bei „Microcastle“ berichtet, das neue Album verfolgt diesen Pfad zwar inkonsequent, jedoch stetig. Mit Pop ist an dieser Stelle jedoch keineswegs den von den tumben Massen konsumierten, finanzierten und gefeierten GaGa-Rihanna-Eminem Plastikschrott gemeint, sondern der gekonnte, eigensinnige, kreative, multiinstrumentale, überlegte und nicht selten bekiffte Umgang mit Liedern, welche auch kulturellen Rohrkrepierern zusagen könnten.

Fragt man selbsternannte ’Experten’ der alternativen Musik oder liest man sich durch einschlägige Foren, wird ’Shoegazing mit einer Spur New Wave, Post-Punk oder Surf-Rock’ bzw. werden Projekte wie Deerhunter, Wavves oder No Age als der aktuell ’angesagteste’ Scheiss im Geschäft gerne und überproportional häufig genannt. Ich distanziere mich von solchen Aussagen, mit der Anmerkung, dass sämtliche genannten Bands tatsächlich grossartige Musik machen, ich jedoch keinen hartgesottenen GaGa-Fan zur Besserem belehren möchte, jeder soll sich schliesslich mit der seinem Niveau entsprechenden Musik berieseln oder auch beduseln dürfen. Soviel zum Thema musikalische Meinungs- und Glaubensfreiheit.

Der erste, schrecklich aufdringliche Gedanke der blitzartig aufleuchtet, wenn „Halcyon Digest“ zu laufen beginnt ist: Air? Der Song „Earth Quake“ schlendert, schwebt und funkelt in denselben trägen Sphären, wie man dies von den Franzosen kennt und schätzt. „Don’t Cry“ fällt dann exakt in die ’angesagte’ Post-Punk/Shoegaze Ecke. Schrammlige Gitarren treffen auf benebelten Gesang. Der Song lullt ein, der Wechsel zu „Revival“ wirkt geradezu aufweckend. Dieser könnte problemlos mit amerikanischem Pop oder Surf-Rock der 60er Jahre verglichen werden. „Sailing“ dann ein 5-minütiges Wunder von Song. Cox singt, nur von einer Gitarre, dezenten Wassergeräuschen und noch dezenterer Perkussion begleitet, die wunderbaren Zeilen ’Only fear can make you feel lonely out here. You learn to accept whatever you can get.’ Ein einfach gestrickter, jedoch äusserst fesselnder und wunderbar vorgetragener Song. „Memory Boy“ dann sehr hippiesk, verspielt, fröhlich und trotzdem in keinem Moment kitschig. „Desire Lines“ macht Lust auf Drogenkonsum, der Refrain trägt dich an einen Ort fernab dieser hektisch-aggressiven Welt, ein mehrminütiges, selbstverliebtes Gitarrensolo zum Schluss kommt dem goldenen Schuss gleich. „Basement Scene“ dann der Tag nach dem Rausch. Verpennt, träge, leise, mit den Zeilen ’I don’t want to wake up’ und ’come out tonight and we’ll get stoned, I don’t want to get old’ den nächsten Trip ankündigend. Dieser fällt mit „Helicopter“ dezent aus und erinnert klanglich an Animal Collective. Das Grundthema wird mit ’Oh these drugs they play on me these terrible ways. They don’t pay like they used to pay’ wiederum aufgenommen; Unterwassergeräusche, der träge Beat und der schleppende Gesang leisten ihren Beitrag zum angenehmen Flug. „Fountain Stairs“ ist dann wieder lebendiger, treibender, „Coronado“ wiederum zerschlissener Surf-Rock, dank schrägem Saxophon und eingängiger Melodie leicht verdaulich. Mit „He Would Have Laughed’, einem siebeneinhalb minütigen Kunstwerk, schliesst „Halcyon Digest“ und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Mittlerweile rate ich den Anfangs erwähnten Konsumenten des überproduzierten Pöbelpops vom Kauf dieses Werks ab. Ihr wärt schlicht und einfach überfordert und ihr könntet dazu weder tanzen noch saufen. Deerhunter bzw. das Genie Namens Bradford Cox, haben mit „Halcyon Digest“ ein facettenreiches, gleichermassen forderndes wie unterhaltendes Ungetüm von Album geschaffen. Jeder Song eine prachtvolle Huldigung an die Einzigartigkeit. Ich wage es zu prognostizieren, dass dieses Album am Ende des Jahres, wenn all die ’Top2010’-Listen auftauchen, ganz weit oben stehen wird.

Seit 24. September 2010 im Handel.

Anspieltipps:

> Basement Scene

> Sailing

> Desire Lines

> He Would Have Laughed

Diskographie:

> Cryptograms (2007)

> Microcastle (2009)

> Halcyon Digest (2010)

 

Ähnliche Künstler:

> Wavves

> No Age

> Animal Collective

> MGMT

> Radiohead