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Daft Punk – Random Access Memories
Daft Punk – Random Access Memories

Daft Punk – Random Access Memories

8.0

Genre:
Label: Columbia Records

Erstellt am: 21.05.2013
Autor:
Erstellt am: 21.05.2013   Autor:

Neuerscheinungen

Ein nostalgischer Blick in die Zukunft

Daft Punk grenzen sich von ihren missratenen EDM-Zöglingen ab, ohne die eigene Identität zu verlieren.

„Human After All“ und der Soundtrack zu “Tron: Legacy“ missrieten Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter gründlich – eigentlich keine sonderlich guten Voraussetzungen für das nächste Daft-Punk-Album. Der Hype, der “Random Access Memories“ vorausging, suchte dennoch seinesgleichen. Die Marketing-Abteilung bei Columbia zog sämtliche Register, und als der erste Album-Teaser auf die Fan-Gemeinde losgelassen wurde, war der Euphorie keine Grenzen gesetzt: Die paar Sekunden aus “Get Lucky“ versprachen eine Rückkehr zum Sound des besten Daft-Punk-Albums “Discovery“ und schienen der elektronischen Tanzmusik viel von dem zurückzubringen, was seither verloren gegangen ist.

Heute wissen wir mehr.

Die Teaser waren leider besser als der Song an sich und Disco spielt auf “Random Access Memories“ nur eine von vielen Nebenrollen. Hohe und bestimmte Erwartungen wurden geschürt, doch kaum jemand dürfte mit den merkwürdigen Kleinoden gerechnet haben, die “Random Access Memories“ beherrschen. Dabei sprachen Daft Punk noch darüber, wie sie sich für ihr neues Album von West Coast/Soft-Rock-Klängen der 70er beeinflussen liessen, aber wirklich zugehört hat da kaum noch jemand.

Mittels analoger Instrumentierung und Rock-Einflüssen aller Art schufen die Franzosen auf „Random Access Memories“ einen zwar sauber aufgeräumten, aber sehr organisch und lebendig wirkenden Klangkosmos. Damit grenzen sie sich von jener modernen, elektronischen Musik ab, die sie mit “Homework“ selber entscheidend geprägt haben. Programmatisch ist da auch der Titel des Openers: “Give Life Back To Music“.

Der vielgeschmähte Elektro-Pionier Giorgio Moroder, Chic-Mastermind Nile Rodgers oder die Songwriter-Legende Paul Williams stehen den Franzosen genauso zur Seite wie mehr oder weniger relevante Musiker unserer Generation. Auch dank gewichtigem Vocoder-Einsatz fügen sie sich fast alle reibungslos in diese neue Klangwelt von Daft Punk ein. Allein die nicht verfremdeten Stimmen von Noah Lennox und Paul Williams fallen erst noch etwas aus dem Rahmen. „Giorgio By Moroder“ sticht ebenfalls hervor, da es ganz als Tribut konzipiert ist, in dessen ersten Minuten der Meister selbst erzählt, wie er zur Musik fand. Das Stück nimmt in seinem weiteren Verlauf einige unerwartete Wendungen, biegt vom typischen Moroder-Sound Richtung Jazz-Funk ab und endet mit einem E-Gitarrensolo aus der Hölle und dick aufgetragenem Streichereinsatz. Ohne Frage, das ist Musik, die kaum lächerlicher sein kann, und doch mag man den Franzosen kaum böse sein, dass sie gerade das potentiell stärkste Stück auf dem Album ruiniert haben.

Ähnliches gilt für das völlig absurde und überladene “Touch“. Daft Punk lassen eine Roboterstimme philosophieren, bevor Paul Williams mit affektiertem Gesang zu einer schmalzigen Showtune-Hymne ansetzt und uns ein Kinderchor einen Schrecken einjagt. Doch “Touch“ gehört auch die schönste Minute des Albums: In einem entwaffnenden Intermezzo lassen Daft Punk den Ragtime über einem Disco-Beat für eine Minute wieder aufleben. Widerstand ist zwecklos.

Die etwas weniger auffälligen, aber mindestens genauso ausgefallenen Roboter-Balladen wie “The Game Of Love“, “Within“ oder “Motherboard“ belohnen die geduldigen Hörer und wachsen bei jedem Durchgang mehr. Interessant wie Daft Punk hier plötzlich wie Air oder Royksopp klingen, die in ihrer Karriere auch immer wieder mit Retro-Elementen spielten und so etwa verstaubtem Prog-Rock Tribut zollten.

Obschon sich Daft Punk dem aktuellen EDM-Mainstream komplett verweigern, ist ihr neues Album doch stärker davon beeinflusst, als ihnen wohl lieb ist. Gäbe es die Swedish House Mafia, David Guetta und Co. nicht – die Welt wäre besser und „Random Access Memories“ würde sich nicht so bedingunglos an grossen und doch nie erreichten Vorbildern aus vergangenen Tagen orientieren. Das neue Daft-Punk-Album ist in diesem Kontext zu verstehen und wird dadurch kaum je einen vergleichbaren Status erreichen wie die von allen Zwängen befreiten Alben “Homework“ oder “Discovery“.
Seit 17. Mai 2013 im Handel erhältlich.

Anspieltipps:
> Give Life Back to Music
> Within

Diskographie:
> Homework (1997)
> Discovery (2001)
> Human After All (2005)
> Random Access Memories (2013)

Ähnliche Künstler:
> Sébastien Tellier
> Air
> Stardust

Inspiration:
> Steely Dan
> Fleetwood Mac
> The Doobie Brothers
> Cerrone
> Giorgio Moroder
> Kraftwerk
> Todd Terry
> Roxy Music