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Blueneck – Repetitions
Blueneck – Repetitions

Blueneck – Repetitions

8.0

Genre:
Label: Denovali

Erstellt am: 18.10.2011
Autor:
Erstellt am: 18.10.2011   Autor:

Neuerscheinungen

Die Traurigkeit, die man akzeptiert

Manche ziehen in eine abgelegene Blockhütte, um ihre Herschmerzplatten aufzunehmen. Andere nehmen den umgekehrten Weg mit demselben Ergebnis. Obwohl sie nun in Bristol aufgenommen wurde, ist die neue CD von Blueneck immer noch so düster wie die Nacht über Somerset.

„Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht? Ausser Musik und Kunst und billigen Gedichten?“ Gisbert zu Knyphausen meint damit die Melancholie. Im Laufe der Geschichte war sie verachtet und galt als gefährliche Sünde, die den Menschen von Gott fernhalte. Aber seit der romantischen Wende im frühen 19. Jahrhundert ist sie verantwortlich für ganze Genres und Künstlerkarrieren. Auch Blueneck haben der Melancholie einiges an Inspiration zu verdanken. Ganz besonders für das neue Album namens „Repetitions“. Erstens sind die Songs so düster instrumentiert, dass man annehmen könnte, das Album sei in einer Eishöhle bei Polarnacht aufgenommen worden. Zweitens sind die Texte so depressiv, dass die Band nicht anders konnte, als sie so zu intonieren, dass man sie kaum verstehen kann. Zudem haben sie sich nicht getraut, sie im Booklet abzudrucken. Aber das ist meine persönliche Interpretation und damit unwichtig. Die Band findet, dass sie die Texte nicht abdrucken und in Interviews ansprechen wollten, weil die Texte zu persönlich seien. Als Grundstimmung des Albums habe man sich die „totale Traurigkeit“ als Vorbild genommen, aber die Traurigkeit, die man akzeptiere. Und das hört man der Musik auch an. Es geht hier nicht um einen kausal hervorgerufenen Moment der Trauer, sondern um einen lang andauernden resignativen Zustand.

Wie ein guter Wein reifte das Album über eine Zeitspanne von mehreren Jahren. Man hört den Songs an, dass sie Zeit gekriegt haben, sich zu entfalten. Stärker als auf den vorhergehenden Alben arbeitete die Band mit akustischen Instrumenten, vor allem dem Klavier, der akustischen Gitarre und der Hammondorgel. Aber ansonsten verwendet die Band noch immer Drones, Orgelpunkten, Feedback-Lärm, Hall und Gedröhne. Und klingt, wie eine Post-Rock-Band halt klingt, wenn sie sich vor allem akustischen Hilfsmitteln bedient. Dafür ist nicht zuletzt der Produzent Mat Sampson verantwortlich, der die Band von den digitalen Spielereien fernhielt und ihnen diesen so passenden akustischen Raumklang mit viel Bauch und Volumen an den Leib schneiderte. Die Verwendung von Cello, Viola, Glockenspiel und ganz viel Klavier gibt dem Klang noch einen zusätzlichen kammermusikalischen Anstrich, wie er etwa auf den Godspeed You! Black Emperor-Alben zu hören sind.

Was Blueneck von anderen Bands des Genres abhebt, ist die Stimme des Sängers, Duncan Attwood, die in ihrer reinen Verletzlichkeit an Antony Hegarty, Jonsi oder Justin Vernon von Bon Iver erinnert. Über weite Strecken ist das Album instrumental geführt und jedes Mal, wenn der Gesang einsetzt, wirkt er wie ein weiteres Instrument und entfaltet eine hypnotische Qualität. Sie bringt eine weitere semantische Ebene ins Feld. Die des sensiblen Indie-Pops und der weltscheuen Waldschrate, die sich erstaunlich gut mit der Post-Rock-Atmosphäre zu einem Ganzen verbindet. Erstaunlicherweise wirkt das Album wie aus einem Faden gestrickt, obwohl die einzelnen Songs unterschiedlicher nicht sein könnten. „Repetitions“ aus dem Titel bezieht sich also kein bisschen auf die Musik, sondern, wie die Band im Interview angab, um die persönlichen Fehlentscheidungen, die man immer wieder aufs Neue trifft. Allerdings finden sich keine davon auf dem Album.
Das Album dürfte eigentlich nur all jenen weiterempfohlen werden, die sich bei der eh schon dunklen Jahreszeit noch weiter runterziehen lassen wollen. Aber die Frage an die Melancholie, was sie der Menschheit jemals Gutes gebracht habe, ist nur eine rhetorische. Auf eine seltsam unbewusste Art und Weise muss man sie einfach lieben und kultivieren.

Seit  23. September 2011 im Handel.

Anspieltipps:
> Sleeping Through a Storm
> Lopussa

Ähnliche Künstler:
> For A Minor Reflection
> September Malevolence
> Miri
> Godspeed You! Black Emperor
> Bon Iver
> Mogwai
> Mono
> Olafur Arnalds
> Thee Silver Mount Zion Memorial Orchestra
> The Evpatoria Report

Diskographie:
> Scars of the Midwest (2006)
> The Fallen Host (2009)
> Repetitions (2011)