Exit Music
Blackmail – Tempo Tempo
Blackmail – Tempo Tempo

Blackmail – Tempo Tempo

9.5

Genre: ,
Label: City Slang

Erstellt am: 27.03.2008
Autor:
Erstellt am: 27.03.2008   Autor:

Neuerscheinungen

’Now we know that we never gonna make it’

Als langjähriger Bewunderer der Koblenzer Band Blackmail fühle ich mich geehrt, deren neues Werk ’Tempo Tempo’ hier beschreiben zu dürfen. Ich pfeife mal wieder vollständig auf Objektivität, denn bessere Musik kann ich mir schlicht nicht vorstellen.

 

’Ich mag die Platte ja, sie ist die Beste die ich bisher von Blackmail kenne, doch ich kann schon jetzt alles auswendig, können wir nicht mal wieder etwas anderes hören?’ Meine Freundin beklagt sich, denn seit knapp zwei Wochen setze ich sie täglich mindestens fünfmal den elf Songs auf ’Tempo Tempo’ aus. Hiermit entschuldige ich mich bei ihr von Herzen dafür, muss jedoch anfügen, dass ich das Teil weiterhin regelmässig konsumieren muss. Das Suchtpotential des Rauchens ist im Vergleich zu demjenigen von Blackmail nichtig.
Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass mir das 06er Album ’Aerial View’ eine Spur zu poppig, zu knapp und zu prägnant war, trotz sensationellen Stücken war eine leichte Enttäuschung nicht zu leugnen. Bis heute habe ich lieber auf die früheren Werke ’Blackmail’, ’Science Fiction’, ’Bliss, Please’ und ’Friend or Foe’ zurückgegriffen. Aufgeregt wie beim ersten Schultag hörte ich mir nun ’Tempo Tempo’ an, und prompt haute mich die Platte vom Hocker wie Erdbeben. Nicht dass Blackmail wieder so tönen wie vor zehn Jahren, doch im Vergleich zum Vorgänger spielt die Band auf ’Tempo Tempo’ frei, ja gar entfesselt auf. Die Gitarre macht unvergleichbar viel Druck, die Stücke dürfen gut und gerne über fünf Minuten dauern, Aydo Abays Melodien garantieren Dauergänsehaut, die Wechsel zwischen ruhigen Passagen und brachialen Riffs funktionieren zuverlässig wie Uhrwerke von Blancpain, Kurt Ebelhäusers Gitarren-, Arrangier- und Produktionskunst setzt unerreichte Massstäbe, Mario Matthias’ Schlagzeug schwankt zwischen präzise und druckvoll bis virtuos (höre ’Speedluv’) und Carlos Ebelhäusers Basslinien verpassen dem Sound den einzigartigen, flüssigen Drive. Der Kenner denkt nun: Naja, die haben ja schon immer so gespielt! Stimmt. Wie damals wird absichtlich mit schiefen Tonlagen gespielt bzw. gesungen, was die Melodien spannend und entsprechend überraschend macht. Normale Songstrukturen werden selten eingehalten, mehrminütige Instrumentals und unerwartete Tempo- und Intensitätswechsel sind Programm. Wie damals werden Refrains durch mehrstimmigen Gesang betont, wie damals wird der Hörer von x-spurigen Gitarren gnadenlos überrollt, wie damals wechseln sich sanfte, hymnische, ruhige Passagen mit unglaublich dichten Klangteppichen ab und genau wie damals hört man hie und da synthetische Klänge sowie Backvocals, welche den Sound düster und gefährlich erscheinen lassen. Trotzdem entdecke ich neue Elemente, welche sich unscheinbar, jedoch passend wie die Faust aufs Auge auf die Platte geschmuggelt haben. Violine und Viola, welche teilweise orientalisch anmutende Spielereien zum Besten geben (’It’s Always A Fuse To Live At Full Blast’, ‘Mine Me I’), die genialen Arrangements, sowie ein dezent eingesetzter Frauenchor (’Swinging Exit Pleasure’) tragen markant zur Genialität des Albums bei.
Ja, das war jetzt ’ne dicke, jedoch verdiente Portion Lob. Meiner Meinung nach das beste Blackmail Album ever. Wer gerne alternative Rockmusik hört und sich diese Platte entgehen lässt hat tatsächlich eine gravierende Bildungslücke. ’Weniger Licht bitte, wir wollen spielen’ Dankesehr.

Ab 28. März 2008 im Handel.

 

Anspieltipps: Grundsätzlich das ganze Album, ich persönlich werde von Mine Me I, It’s Always A Fuse To Live At Full Blast, Speedluv, U Sound, The Mentalist und So Long Goodbye am kräftigsten durchgeschüttlet.

Trackliste: 1) False Medication; 2) Mine Me I; 3) (Feel It) Day By Day; 4) The Good Part; 5) It’s Always A Fuse To Live At Full Blast; 6) Shshshame; 7) Speedluv; 8) U Sound; 9) The Mentalist; 10) Swinging Exit Pleasure; 11) So Long Goodbye

similar artists: Scumbucket, Ken

 

Bio:
Blackmail entsteht etwa 1993 in Koblenz und setzt sich bis heute aus den Brüdern Kurt (Gitarre) und Carlos (Bass) Ebelhäuser, Aydo Abay (Gesang) und Mario Matthias (Schlagzeug) zusammen. 1996 beginnt die Arbeit am Debutalbum ’Blackmail’, welches ein Jahr später auf dem kleinen Label BluNoise Records erscheint. Kurt gründet kurz darauf die Band Scumbucket, um sich andersweitig auszutoben. Das 1999 erschienene Album ’Science Fiction’ erreicht bereits eine grössere Hörerschaft. Während Kurt mit Scumbucket fleissig produziert, scheint auch Aydos Kreativität grenzenlos zu sein. Gemeinsam mit Mario startet er das skurrile Projekt Dazerdoreal, wobei die beiden hierbei ihrer Neigung zu elektronischer Musik nachgehen. 2001 erscheint ’Bliss, Plase’ beim Major EastWest, die Musik wird leicht poppiger, was die Kritiker freut und die Konzerthallen füllt. Nach der Tour widmet sich Aydo zusammen mit den Musikern von Scumbucket einem weiteren Nebenprojekt namens Ken. Mittlerweile besitzt die Band ein eigenes Studio und produziert weiterhin fleissig Songs. 2003 erscheint ’Friend or Foe’ bei Wea (Warner). Wegen etlichen Umstrukturierungen bei Warner verweigern Blackmail die weitere Zusammenarbeit und arbeiten von nun an mit CitySlang (Calexico, Lambchop, The Notwist) zusammen. Dort erscheint 2006 ’Aerial View’. Nun ist das sechste Studioalbum ’Tempo Tempo’ wiederum bei CitySlang erhältlich. Blackmail sind am 7.Mai dieses Jahres in Zürich zu bewundern, was ich jedem schwer empfehle, denn so viel Energie und Spontaneität sieht man selten auf der Bühne.
Diskographie:
> Blackmail (1997)
> Science Fiction (1999)
> Do Robots Dream Of Electronic Sheep? (Science Fiction Remix Album 2000)
> Bliss, Please (2001)
> Friend Or Foe (2003)
> Foe EP (2003)
> Kammerflimmern (Soundtrack 2005)
> Aerial View (2006)
> Tempo Tempo (2008)