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Ben Howard – I Forget Where We Were
Ben Howard – I Forget Where We Were

Ben Howard – I Forget Where We Were

8.0

Genre: ,
Label: Universal

Erstellt am: 05.11.2014
Autor:
Erstellt am: 05.11.2014   Autor:

Rezensionen

Eisberg voraus!

Wer sich von diesen zehn Liedern durch die Routine seines Alltags begleiten lässt, braucht ein Gegengewicht zu dieser Schwermut. „I Forget Where We Were“ ist dunkel und scheut das Tageslicht.

Es gibt Platten, die funktionieren zu bestimmten Tageszeiten besonders gut. Ben Howard hat so eine aufgenommen. Beim morgendlichen Pendeln im Dunkeln schafft sich „I Forget Where We Were“ einen Zugang , der dem Hörer den ganzen Tag im Nacken sitzt. Und wer mit schwermütigen Gedanken nicht viel anfangen kann, beginnt den Tag sicherlich nicht mit dem Briten. Entsprechend sinnbildlich ist auch das Cover der Platte, die deren Schöpfer im Halbschatten zeigt – und schwarz überwiegt. Wer Howards Auftritt bei Later with Jools Holland gesehen hat, erkennt relativ schnell, dass er und seine Mitstreiter ihr Können alleine in den Dienst der Songs stellen. Das geht auf. Egal, ob er auf der Bühne steht oder das, was da passiert, im Studio einfängt: Es ist Intensität in allen Tönen. Es bleiben dennoch verschiedene Abstufungen von Grau.

Natürlich kann man die gesangliche Eindimensionalität kritisieren, mit der Ben Howard auch hin und wieder an Tracy Chapman erinnert. Er legt die Melancholie dermassen in seine Stimme, dass man sich schnell vor den beiden Schubladen wiederfindet, die mit Pathos und Kitsch angeschrieben sind. Die eine gleich über der anderen. Aber diese oberflächlichen Gedanken verfliegen schnell, weil „I Forget Where We Were“ für beide einen zu grossen Kiel mitbringt. Es ist ein Eisberg, an dem man sich im Dunkeln den Rumpf stösst. Das wühlt auf, das zieht einen runter. Das ist die ganz grosse Leistung von Ben Howard. Dass er mit dem beinahe 8-minütigen „End of the Affair“ das längste Stück der Platte als Single ausgekoppelt hat, unterstreicht seinen Anspruch. Nur drei Stücke bleiben unter fünf Minuten. Er bläst sein Album nicht auf, er lässt ihm Zeit zum Wachsen. Dass dabei der vergleichsweise kurze Titeltrack besonders heraussticht, bleibt dann logischerweise nur die Spitze des Eisbergs.

Ab 20.10.2014 im Handel erhältlich.