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Ben Frost – A U R O R A
Ben Frost – A U R O R A

Ben Frost – A U R O R A

8.0

Genre: , ,
Label: Mute

Erstellt am: 31.10.2014
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Erstellt am: 31.10.2014   Autor:

Rezensionen

Licht, Wärme und Sonne

„A U R O R A“ ist eine Fahrt mit dem Eisbrecher durch die ewige Polarnacht, findet Anknüpfung an den tollsten und gruseligsten Ecken elektronischer Musik.

Es ist gleichzeitig Frosts brutalstes Noise-Album und sein größter Pop-Entwurf. Es ist räumlich und mit allen Sinnen greifbar, kriecht wie eine Rauchwolke aus den Lautsprecherboxen und ergreift Besitz vom ganzen Raum. Es ist ein Album geprägt von Widersprüchen. Frost hat es im Kongo aufgenommen, die einzelnen Teile nach Licht, Wärme und Sonne benannt und dennoch treibt „A U R O R A“ mit kühlen, peitschenhaften Kälteausbrüchen den Hörer vor sich her.

Die geniale Handschrift des kanadischen Ambient-Meisters Tim Hecker ist an vielen Stellen zu erkennen. Schließlich hat Frost im vergangenen Jahr bei dessen großartigem Meilenstein „Virgins“ mitgemischt. Doch „A U R O R A“ enthält keine ambient-typischen Ohrenstreichler, es ist schwieriger, herausfordernder und bestrafender als Heckers Werke. Kleine Hassbrocken wie das nach einer leuchtenden Chemikalie benannte „Diphenyl Oxalate“ können in ihrer kompromisslosen Härte mit einem waschechten Grind-Inferno mithalten. Ben Frost hat sich für dieses Album an vielen Stellen von der Wissenschaft inspirieren lassen.

Frost zerrt zum Beispiel Nolan von malträtierender Swans-Percussion auf den Rummelplatz. Lichter verschwimmen mit Farben und Temperaturen, wenn eine ganz fiese Synthie-Kante die Herrschaft über dieses hochexperimentelle Wirrwarr gewinnt. Es ist nicht unpassend und auch nicht peinlich, wie groß die Balearen-Techno-Schlagseite dieses Tracks ist. Sondern nicht nur beim ersten Hören eine erschlagende Überraschung. Und dieses  Rezept bleibt für die großen Tracks des Albums eigentlich unverändert wenn auch bei „Secant“ und „Venter“ in abgeschwächter weil nicht ganz so popgefärbter Form. „A U R O R A“ quält genau so lange, wie es nötig ist und entlohnt zum mechanisch perfekten Zeitpunkt mit scharfkantigen Pointen. Vor allem „Secant“ deutet die explodierende Melodie an, und lässt sie erst von der Kette, wenn man danach bettelt. Es ist schon eine unfassbar anstrengende Angelegenheit, aber die belohnenden Momente wiegen auf diesem Album beinahe alle Schwachpunkte auf.