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Amanda Palmer – Who Killed Amanda Palmer

Amanda Palmer – Who Killed Amanda Palmer

8.0

Genre:
Label: Road Runner Records

Erstellt am: 23.10.2008
Autor:
Erstellt am: 23.10.2008   Autor:

Neuerscheinungen

Vorhang auf

„Who Killed Laura Palmer“ ist das Leitthema der 1990er Fernsehserie „Twin Peaks“ von David Lynch und Mark Frost über einen mysteriösen Mord in einer amerikanischen Kleinstadt. Das Solo-Debüt der Sängerin und Pianistin des Brecht-Punk-Duos „The Dresden Dolls“ kommt also mit einem ziemlich beziehungsreichen Titel daher und wartet darüber hinaus mit einer solchen Fülle an weiteren Querbezügen und umfangreichem Sekundär-Material auf, dass man sich schon fast ein wenig bedrängt fühlt und umso mehr auf die übliche Aneignungsmethode – das wiederholte Anhören – setzt.

Man wird nicht enttäuscht werden. Soviel mal vorweg. Nach einigen Durchgängen stelle ich zunächst jedoch fest, dass ich gegenüber der vorgegebenen Zweiteilung des Albums in einen ersten und einen zweiten Akt eine Dreiteilung mit den persönlich gehaltenen ersten drei Titeln als Einleitung, dem Reigen der „thematischen“ Songs von „Leeds United“ bis „Oasis“ als Mittelteil und schließlich den beiden letzten Pianoballaden als Abschluss vorziehe. Ich kann das Material so besser im Kopf anordnen.

Der Opener „Astronaut“ liefert mit  seinem fulminant hingehämmerten Klavier/Gesangs-Intro genau die Blitzattacke, die mich augenblicklich – ehe ich ich noch weiß, wie mir ist – in die Welt der (sehr lebendigen) Amanda Palmer hineinreißt.

Ich denke gerade: In dieser Welt herrscht – offensichtlich dank der Mitarbeit der Maestros Paul Buckmaster und Ben Folds und einiger weiterer Mitstreiter(innen) – eine wohlgesetzte Opulenz. Es wird eher aufgetürmt als reduziert. Das ist wohl der Hauptunterschied zu den Alben der Dresden Dolls. Auf der anderen Seite scheint es sich aber gleichwohl um eine hinreichend schräge Künstler-Party zu handeln…

Da erklingt bereits der erste (und für mich auch nachhaltigste) Höhepunkt des Albums: „Runs in the Family“: Ein orchestral inszenierter Art Punk-Song mit atemlosen Staccato-Gesang, der das Gefühl des Ausgeliefertseins, des Gefangenseins in zyklisch wiederkehrenden Zeitschleifen und unsichtbaren Strukturen und damit eines der Grundmuster der Filmkunst David Lynchs am deutlichsten ausdrückt. Gleichermaßen auch der Song, in welchem das – nach Palmers eigenem Bekunden – für dieses Album charakteristische Zusammenkrachen von 80er-Punk und 70er-Pop am wirkungsvollsten stattfindet.

Und schon legt sich der erste Sturm und Palmer erzählt in der Piano-Ballade „Ampersand“ sehr eindringlich von ihrem Bedürfnis. ihr Leben nicht lediglich als die eine Seite einer Verknüpfung führen zu wollen.

Im – oder besser: „in meinem“ – Mittelteil des Albums hat es mir dann vor allem „Blake Says“ angetan – eine Hommage an und ein Puzzlespiel um die Band Velvet Underground mit einem ökologischen Untertext in Form eines Portraits. Das klingt merkwürdig, aber der Song funktioniert ausgezeichnet. Mit seiner spieluhrartigen Klavierbegleitung für mich gleichzeitig eine Brücke in die DD-Vergangenheit.

Das aufgekratzte „Leeds United“ nahm sie zusammen mit einer ziemlich durchgeknallten Blaskapelle namens The Born Again Horny Men of Edinburgh in Schottland auf. Während ein Teil ihrer Fans im Internet nach Art der Twin-Peaks-Anhängerschaft noch herumrätselt, ob die „Double Exes“ wohl eine römische Zwanzig symbolisieren und sich fragen, ob dies etwas – und wenn ja was – mit dem Leeds-United-Stammspieler Nr. 20 zu tun haben könnte, meint Amanda Palmer derweil gelassen, sie interessiere sich nicht die Bohne für Fußball und habe den Titel eigentlich nur als eine willkommene Zufallsmetapher auf eine persönliche Bekanntschaft aufgegriffen. Haha. Sympatisch.

Doch halt, so leicht kommt man bei diesem Album nicht immer davon. Die nächsten Stücke nehmen sich überwiegend ernsterer Themen an.  Des Columbine-Massakers in „Strength Through Music“ etwa. Oder der Wirkung von Video-Games („Guitar Hero“). Oder männlicher Gewalt („What’s the Use of Wond’rin‘?“). Allesamt aus einem sehr unkonventionellen Blickwinkel freilich und mit ungewöhnlichen musikalischen Konzepten. Da es für mich aber weder einen erkennbaren persönlichen Bezug noch mehr als eine schlaglichtartige inhaltliche Ausleuchtung gibt –  eben doch auf eine eher deklamatorische Art. „Have To Drive“, ein etwas rätselhafter Song mit einem umgefahrenen Reh, der ganz minimalistisch beginnt, kippt zudem gegen Ende – für meinen Geschmack – dann doch etwas ins Pompöse um.

„Oasis“ schließlich mit seiner schwarz-humorigen Kombination aus unbeschwert süßem Sixties-Pop und einem ordinär-zynischen Text rund um Vergewaltigung, Abtreibung und Britpop-Fantum erinnert mich an Frank Zappas Beatles-Verarsche „We’re Only In It For The Money“. Der Meister des ätzenden Humors bediente sich ja ebenfalls häufig bei den Stilmitteln von Doo-Wop und Surfrock. Ein ziemlich abgefahrener Ohrwurm jedenfalls.

Der Schlußteil des Albums knüpft dann musikalisch wieder an „Ampersand“ an. Die Texte bewegen sich in einem eher persönlichen Umfeld. Mit ausladenden Klavierakkorden, einem verhalten-melancholischen Streicher-Pathos – das aber an keiner Stelle in Elton-John-Kitsch abdriftet – und einem eher kontemplativen Stil (der mich aber genauso begeistert wie der des Punk-Cabaret ) klingt das Werk aus.

Seit  26. September 2008 im Handel.

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Amanda Palmer
Anspieltipps:
> Runs in the Family
> Ampersand

Ähnliche Künstler:
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