Exit Music
Vince Guaraldi – Alma-Ville
Vince Guaraldi – Alma-Ville

Vince Guaraldi – Alma-Ville

Erstellt am: 23.05.2009
Autor:
Erstellt am: 23.05.2009   Autor:

Ältere Schmuckstücke

Smooth Rhythms of the Latin Side Played in Alma-Ville

Wenn Charlie Brown und die Peanuts-Gang sich zur Ruhe setzen, fängt Guaraldi erst richtig an zu musizieren.
Schon eine Weile spiele ich mit dem Gedanken, eine Rezension über ein älteres Schmuckstück zu verfassen. Die Auswahl ist unendlich, Vorsicht sei geboten, denn bei den Vorlieben um vergangene Musik gibt der Rezensent Einblick in seinen Musikkeller – und wie das bei manch einem so ist, verbringe auch ich die meiste Zeit zwischen diesen gemächlichen vier Wänden.

Vince Guaraldi ist Mann der Stunde oder besser gesagt der Rezension. Geboren in den 20ern, von uns gegangen in den 70ern; man darf hier also wortwörtlich von einem „älteren“ Schmuckstück sprechen. Ziel meines Unterfangens ist es natürlich, Guaraldis Musik an den Mann bzw. Frau zu bringen. Auf den ersten Blick scheint dies natürlich nicht unter einem günstigen Stern zu stehen. Wer ist dieser Kerl überhaupt?

Nun, ich möchte nicht lange um den heissen Brei reden. Wer je einem Abenteuer von Charlie Brown und der Peanuts-Gang ausgesetzt war, ist mit Guaraldis Musik schon vertraut. „Linus And Lucy“ katapultierte ihn und Charles M. Schultz – Erfinder der Peanuts – in neue Sphären und machte sie einem Weltpublikum zugänglich. So vorzüglich der Score zur Serie und den Filmen rund um Charlie Brown aber auch sein mag, Guaraldis wahres Genie zeigt sich noch um einiges deutlicher auf seinen anderen Werken. Deshalb habe ich mich für eines seiner Alben mit dem Titel „Alma-Ville“ entschieden.

Was ist nun aber so besonderes an dieser Musik? Die Frage ist relativ schnell und einfach beantwortet: Guaraldi vermischt auf dem Album gekonnt Bossa-Nova Rhythmen mit exzellenter Jazzmusik. Schon beim Opener „The Masked Marvel“ ist klar, diese Musik wird nicht nur Jazzliebhabern gefallen. Ein Up-Tempo Song, wie man so schön sagt. Guaraldis Pianospiel ist purer Wahnsinn, begleitet von einer elektrischen Gitarre, Bass und Drums. Etwa in der Mitte des Songs stiehlt ein extrem glattes Gitarrensolo dem Rest die Show, doch Guaraldi bleibt nicht lange im Hintergrund!

„Cristo Rendentor“ könnte für den Ungeduldigen vielleicht als Schlaflied einen weniger ansprechenden Eindruck machen, wer aber nicht ganz zwei Minuten seiner kostbaren Zeit opfern kann, wird auch hier wunderbare Latino-Rhythmen zu hören bekommen. So kommt das Piano auch sehr smooth rüber, Guaraldi lässt seine Finger über die Tasten gleiten, springen, kreiert eine atmosphärisch äusserst lockere Stimmung, der man sich einfach nicht entziehen kann. Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen dem Anfang, wo es sich mehr um eine Ballade handelt, und dem Ende, wo der plötzliche Rhythmuswechsel einsetzt und man nur noch in Staunen versetzt wird.

Für eine gelungene Überraschung sorgt auf der Mitte des Album ein Beatles-Cover: „Eleanor Rigby“. Die musikalische Dramatik des Originals verschwindet hier komplett. Guaraldis Version verwandelt den Song in einen äusserst schwungvollen Ritt durch die Musiklandschaft, dem aber dennoch ein melancholischer Unterton bleibt. Highlight ist hier aber klar das Gitarrensolo, welches das Stück von einem ohnehin ausgezeichneten Level noch weiter hinauf hebt.

Peanuts und Objektivität hin oder her, Vince Guaraldis „Alma-Ville“ ist definitiv ein Meisterwerk und eignet sich bestens als Einstieg in die Welt dieses phantastischen Musikers. Und auch wenn mich während des Verfassens dieser Lobeshymne der „Work Song“ seines Album „The Latin Side Of Vince Guaraldi“ begleitet hat, so möchte ich diese unbedeutende Heuchelei bezüglich der Wahl meines zu rezensierenden Album auch gleich dafür nutzen und empfehlen, sich das fabelhafte Stück selbst einmal anzuhören um ein erstes, gutes und hoffentlich anhaltendes Gefühl für die Musik dieses einmaligen Künstlers zu bekommen.

Seit 1969 im Handel.


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Anspieltipps:
> The Masked Marvel
> Detained in San Ysidro
> Eleanor Rigby

Diskographie:
> Vince Guaraldi Trio (1956)
> A Flower Is a Lovesome Thing (1957)
> Jazz Impressions of Black Orpheus (1962)
> In Person (1963)
> Vince Guaraldi / Bola Sete & Friends (1963)
> A Boy Named Charlie Brown (1964)
> From All Sides (1964)
> The Latin Side of Vince Guaraldi (1964)
> A Charlie Brown Christmas (1965)
> Alma-Ville (1969)
> The Eclectic (1969)

Ähnliche Künstler:
> Bill Evans
> Ahmad Jamal
> Antônio Carlos Jobim
> Ramsey Lewis
> The Three Sounds