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Oceansize – Effloresce
Oceansize – Effloresce

Oceansize – Effloresce

Erstellt am: 22.07.2015
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Erstellt am: 22.07.2015   Autor:

Rezensionen

Wachstumsschübe

Oceansize haben schon länger ausgeblüht. Ihr Sänger Mike Vennart hat das nächste Projekt mit Erfolg begonnen – so gut „The Demon Joke“ auch ist, einem wehmütigen Rückblick auf „Effloresce“ steht es nicht im Weg.

Das Artwork von „Effloresce“ lässt sich aufklappen wie eine Blüte. Das schöne Cover des Debüts von Oceansize deutet bereits an, wie sehr dessen Inhalt zu wachsen vermag. Bereits in „Catalyst“ glaubt man, Mike Patton habe sich eine neue Band gesucht. Es war auch der weniger nachvollziehbare Wunschtraum zu lesen, bei Oceansize handle es sich um die neuen Tool. Und trotzdem: „Effloresce“ blieb bei der Veröffentlichung sträflich unbeachtet, wurde nur am Rande rezensiert – dafür mit Bestnoten. Die Band aus Manchester hat den endgültigen Durchbruch denn auch nie geschafft. Dabei ist „Effloresce“ die wohl beste Mischung aus Prog, Postrock, Alternative und Metal, die man sich wünschen kann. Die Zügel völlig aus der Hand legen sie zum ersten Mal bei „Massive Bereavement“. Das zehnminütige Kernstück der ersten Hälfte bietet einen Genremix, bei dem man nur staunen kann, dass er dem Hörer nicht das Innere zu Tiermehl verarbeitet. „Paranoid Android“ für Fortgeschrittene. Mit dem frei atmenden „Rinsed“ folgt ein Postrock-Stück, das kein Zufall ist: Verschnaufpause. Danach geht es immer weiter mit ungeraden Rhythmen, mutigen und packenden Melodien, Haken und Breaks, die umhauen oder entführen. Bis sich mit „Amputee“ schliesslich noch der Popmoment einen Platz auf dieser Platte erobert. Keine Hitsingle, aber definitiv ein Türöffner für alle, die vorerst etwas weniger Zeit mitbringen.

Oceansize waren zum Zeitpunkt von „Effloresce“ bereits ein richtig stämmiger Baum, der seine Wurzeln in vielen Erden hatte und auch später mit seinen Ästen in viele Himmel wachsen wollte. Diese Verästelungen machten es nicht immer leicht – aber grossartig waren sie bis zum Schluss. Das magische Trio am Ende von „Effloresce“ bleibt dennoch ihre stärkste Leistung, mit dem vielleicht einzigartigsten Stück, das ihnen gelungen ist: „Women Who Love Men Who Love Drugs“. Drei Postrock-Gitarren, die zuerst alles in Schönheit aufbauen, um es nach 3:41 in einem Gewitter einzureissen. Was danach folgt, ist wohl die wärmendste musikalische Sonne, die nach einem Unwetter durchs Zimmer scheinen kann. „Saturday Morning Breakfast Show“ fiebert sich durch seine verschiedenen Parts wie lose Träume, die man kennt, wenn man am Morgen abwechselnd aufwacht und wegdöst. Ganz im Gegensatz zum finalen „Long Forgotten“, das es mit traurigen Streichern schafft, fast ohne jegliche Komplexität einen stillen Schlusspunkt zu setzen. Alleine in den letzten 27 Minuten erstrahlt „Effloresce“ perfekt in allen Farben, die diese Band ausmachen. Und eigentlich ist es kaum eine Überraschung, dass sie drei Alben später an sich selber scheiterte. Denn es erinnert ein bisschen an das Klischee des Genies, das sich in den konventionellen Grenzen der Welt nicht frei bewegen kann – und sich daran aufreibt, bis es zum Zusammenbruch kommt.

Seit 2003 im Handel.