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Lucio Battisti – Anima Latina
Lucio Battisti – Anima Latina
Erstellt am: 28.08.2010   Autor:
28.08.2010 – Autor: Nico Scheidegger

Ältere Schmuckstücke

Lucio Battisti – Anima Latina

Für Italien

Italiens Nachkriegsgeschichte ist eine Wirre, voller Zynismus und Unredlichkeit. Was spielen darin Überwerke wie Lucio Battistis „Anima Latina“ für eine Rolle? Eine kurze Einschätzung. Wenn ich mich frage, was der Gedanke an Italien beinhaltet, sehe ich mich heute mit einer merkwürdigen Leere konfrontiert. Zum einen ist es für mich vielgeschätztes Ferienland, mit welchem kostbare und glückliche Kindheitserinnerungen verbunden sind. Zum anderen haben sich Berichte über Abfallberge, Camorra und `Ndrangheta und deren Rolle in der Landespolitik, – Berichte über ein narzisstisches Staatoberhaupt und dessen Machtwahn meiner Ferienperspektive entgegengesetzt. Das ist ein unerbittlicher Zwist und man kann behaupten, dieser Widerspruch ist für meinen heutigen ambivalenten Blick auf das Land verantwortlich. Obwohl Ambivalenz immer eine innere Unruhe mit sich bringt, ruft sie in diesem speziellen Fall eher Resignation hervor. Die besagten Berichte bringen mich dazu, schmunzelnd den Kopf zu schütteln. Ich sage mir dann jeweils, sie wissen es halt nicht besser. Ich bin auch geneigt, halb bewundernd das italienische System als Einmaligkeit und Attraktion zu sehen. Seine Beschaffenheit, die Art und Weise, wie dafür und dagegen gewirkt wurde, macht die italienischen Zustände zu einer uritalienischen Schöpfung. Nicht zur Schöpfung der Comorra, eines Berlusconi oder seiner kümmerlichen Fernsehshows. Es sind Zustände, wie sie sich Italienerinnen und Italiener schaffen. Und es sind in diesem Sinn gewohnt-gewollte Zustände – und vielleicht handelt es sich eben dabei um den am schwierigsten zu akzeptierenden Fakt. Ich schreibe das auf, weil ich der Meinung bin, dass diese Erkenntnis nicht wirkungslos bleibt, wenn es um das Verständnis eines Kunstwerks geht. Italien hat vieles zu Wege gebracht, vor allem im kulturellen Kontext. In vielen Belangen darf man getrost von Pioniergeist sprechen. Auch in musikalischer Hinsicht. Alan Sorrenti, Lucio Battisti. Dann Giorgio Moroder und die heute immer wieder grassierende Italo-Disco. Erfindungen für die Musikwelt, welche sich allesamt auf ein richtungsweisendes Element berufen können. Wollte man die gesellschaftlichen Voraussetzungen erfassen, welche für diesen Erfindergeist mitverantwortlich sind, könnte man andere Länder als Referenzen beiziehen. Brasilien während seiner Militärdiktatur beispielsweise. Italiens gesellschaftspolitische Konstitution in der Nachkriegszeit würde ich am ehesten als stabil instabil bezeichnen. Weniger prekär als diejenige in Brasilien zu besagter Zeit aber ebenso bezeichnend für kreatives Schaffen. Lucio Battisti schuf mit „Anima Latina“ kein politisches Album. Freie Liebe und Anti-Imperialismus waren 1974 im künstlerischen Milieu allgegenwärtig. Trotzdem atmet es einen unverkennbar italienischen Spirit. Die tiefe Verbundenheit zur dominanten Prog-Rock Geschichte Italiens ist zu spüren. Passend dazu auch die vielen Attribute eines Konzeptalbums: fliessende Übergänge und sich wiederholende Passagen sind dafür typisch. Battisti liess massgeblich lateinamerikanische Elemente einfliessen und liess sie sich mit zarten Vorboten des Italo-Pop verschmelzen. Battisti deckt mit seiner Stimme eine ungewohnte Spannbreite an Akzenten ab. Anima Latina ist im Vergleich zu Battisti’s sonstigem Stimmwirken experimentell gefärbt. Das bekommt dem Album gerade im Zusammenhang mit den synthsphärischen Flächen ausgenommen gut. Anima Latina bietet ein unheimlich spannendes Hörerlebnis. Im weitläufigen Repertoire Battisti’s besticht das Album mit seinem unvergleichlichen Reichtum an Sounds und Einflüssen. Was Italien war, was es heute ist, ist für mich auch an solchen Werken abzulesen. Sie sind unverzichtbar, als komplementäre Quellen zur gesellschaftlichen Berichterstattung. Als solche lassen sie sich kaum losgelöst von ihrem Schöpfungskontext betrachten. Battisti hat mit Anima Latina für mich ein ganz dringend benötigtes Stück Italien erschaffen. Seit  Dezember 1974 im Handel. Anspieltipps: > Due Mondi > Anima Latina (Anonimo) Ähnliche Künstler:   > Alan Sorrenti > Caetano Veloso